• vom 28.01.2010, 17:54 Uhr

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Update: 28.01.2010, 17:55 Uhr

Saxofonist Klaus Gesing über einen neuen Zyklus im Musikverein und seine "feinnervige Kammermusik"

Jazz auf Zehenspitzen




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Von Christoph Irrgeher

  • Der Musikverein startet heute seinen ersten Jazz-Zyklus.
  • Saxofonist Klaus Gesing "freut sich wahnsinnig".
  • Wien. Nun ist sie genommen, die letzte Wiener Bastion: Was in grauen Vorzeiten als "Negermusik" gescholten ward oder im modrigen Keller zumindest ein verruchtes Image genoss, das hält jetzt langfristig bei Wiens distinguiertestem Klassik-Veranstalter Einzug - am heutigen Freitag startet der erste Jazz-Zyklus des Wiener Musikvereins.

Musikalische Offenheit als Paradigma: Klaus Gesing gastiert heute im Trio im Wiener Musikverein. Foto: Frenzel

Musikalische Offenheit als Paradigma: Klaus Gesing gastiert heute im Trio im Wiener Musikverein. Foto: Frenzel Musikalische Offenheit als Paradigma: Klaus Gesing gastiert heute im Trio im Wiener Musikverein. Foto: Frenzel

Wenn auch nicht im ganz großen Stil. So sind die Termine überwiegend im Gläsernen Saal des Souterrains angesetzt - mit Ausnahme von Publikumsmagnet Thomas Quasthoff freilich, der seine Opernstimme im Großen Saal (18. Februar) wieder einmal dem Jazz weiht. Und so herrscht auch musikalisch ein - durchaus erfreulicher - Verzicht auf Bombastik: Für die drei Konzerte im noblen Keller wurden Künstler des ECM-Labels gedungen, das für einen filigranen, elegischen Jazz bürgt - und die Grenzen zur sogenannten Ernsten Musik gern touchiert.


Aus dem Moment

Beispielhaft nachzuhören beim heutigen Auftritt - auch wenn die Herkunft der einzelnen Stücke bei diesem Trio nicht das Entscheidende ist. "Bei uns geht es mehr um die Art und Weise, wie wir diese Stücke im Moment formulieren", erzählt Saxofonist Klaus Gesing im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Das Um und Auf der Zusammenarbeit mit Sängerin Norma Winstone und Pianist Glauco Venier ist die Offenheit. Ob nun eigene Stücke, ob Musik von Bigband-Leiterin Maria Schneider oder Klassik-Komponist Hanns Eisler: Hier ist alles lediglich "Ausgangsmaterial", dem in egalitären Interaktionen der drei Musiker jede tönende Entwicklung gestattet ist.

Lob dem Wagemut

"Warten auf die Musik" nennt Gesing diese Dynamik, die er an die Stelle fixer Strukturen setzt. So gesehen ist auch die noch unveröffentlichte neue CD - deren Vorgänger übrigens für einen Grammy nominiert wurde - "nur ein winziger Ausschnitt Zeit, in der die Stücke eben so passiert sind". Freilich: Auf der Bühne fordert diese Offenheit enorme Konzentration, gilt es doch, "mit gespitzten Ohren auf den Zehenspitzen zu stehen, zu jedem Zeitpunkt auf alles reagieren zu können. Aber diese Risikofreude lohnt sich."

Eine solche attestiert Gesing auch dem Musikverein, der mit dem Jazz-Zyklus Neuland betritt - wogegen doch zumeist das "funktioniert, was Tradition hat". Und über die Bedingungen im Gläsernen Saal freut sich der Deutsche "wahnsinnig": "Die Akustik ist phänomenal - prädestiniert, um dort feinnervige Kammermusik zu spielen."

Was Gesing von der langfristigen Entwicklung des Jazz zu einer Konzertmusik vor stillem Publikum hält? Für ihn natürlich ein Glück: "Würde unser Publikum reden, wäre unsere zerbrechliche Musik verloren."

Ganz abgesehen von Gesings persönlichem Glück könnte sich Jazz dieser Tonart freilich auch für den Musikverein als Glücksfall erweisen - um sich nämlich von den Jazz-Events des Konzerthauses abzuheben, das seit langen Jahren Genre-Stars vom stillen Grübler bis zum rocknahen Berserker aufbietet. Bleibt mit Gesing zu hoffen, dass der Musikverein-Wagemut belohnt wird.

www.musikverein.at



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-01-28 17:54:55
Letzte Änderung am 2010-01-28 17:55:00

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