• vom 21.01.2010, 15:26 Uhr

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Update: 21.01.2010, 15:33 Uhr

Drehbuchautor Uli Brée über die neue ORF-Produktion "Live is Life", die am 3. Februar auf ORF2 gezeigt wird

"ORF lässt viele fertige Filme liegen"




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Von Ina Weber

  • "Eigenproduktionen des ORF liegen aus Geldmangel brach."
  • Brée nimmt Politik in die Pflicht: Gesamte Gebühren dem ORF.
  • §§"Wiener Zeitung": Sie haben das Drehbuch zum neuen ORF-Film "Live is Life" geschrieben. Die Komödie handelt vom Altwerden. Ist das ein Thema, das Sie selbst beschäftigt? *
  • Uli Brée: Meine Mutter ist vor einem Jahr gestorben. Sie ist im Altersheim gelegen. Immer wenn ich sie dort besucht habe, fand ich es schrecklich. Ich habe nicht verstanden, warum alte Leute auf diese Art und Weise alt werden müssen.

Sie schauen zum Fenster hinaus, sitzen in hochmodernen, topgestylten Altersheimen, die aber überhaupt nicht ihrer Lebensgeschichte entsprechen. Sie sind in einfachen Häusern mit Kachelofen aufgewachsen. Dann tun die dort nichts, das fand ich erschütternd. Die sagen "Guten Tag, Frau Beckmann", "Gute Nacht, Frau Beckmann" und das wars.


Man kann aber auch anders alt werden, wenn man halbwegs körperlich fit ist und sein Gehirn trainiert. Das war der Auslöser für meine Geschichte. Ich selbst bin vor ein paar Tagen 46 Jahre alt geworden und habe mir gedacht, Wahnsinn, in vier Jahren bist du 50. Man fühlt sich nicht so alt, aber trotzdem muss man schon ganz anders mit Energien haushalten als früher. 15 Stunden am Stück durchschreiben, das geht jetzt nicht mehr.

Warum gibt es Ihre rockenden Senioren, die im Altersheim einen musikalischen Aufstand wagen, nicht im echten Leben?

Wenn ich mich mit 40 Jahren nur arbeite, jeden Abend heimkomme und dann fernsehe und keine andere Erfüllung im Leben habe, dann bleibt halt irgendwann nix übrig von dir. Mit 40 fällt das noch nicht so auf, weil man in einem System funktioniert. Wenn dich dieses System aber entlässt, dann bleibt nix von dir übrig. Der Peter Weck zum Beispiel ist ein guter Freund von mir. Er wird dieses Jahr 80 Jahre alt. Er erklärt mir meinen Computer, fährt selbst mit dem Auto nach Tirol und ich sitze mit ihm am Tisch und habe es lustig wie mit einem Gleichaltrigen. Und warum? Weil der Mensch zeit seines Lebens aktiv war.

Sie selbst sind ja unheimlich aktiv. Sie sind Autor, Schauspieler, Regisseur, Liedertexter, Kinderbuchautor usw. Sie werden als Multifunktionstalent bezeichnet. Sehen Sie sich auch so?

Ich habe gewisse Leidenschaften, aber Schreiben ist meine Hauptleidenschaft.

Steckt der ORF in einer Krise?

Der ORF wird immer geschimpft, weil er kein österreichisches Programm macht. Nur wird hier der Falsche beschimpft. Wenn der ORF die Gebühren, die ihm zustehen, kriegen und nicht ein Drittel davon in die Staatskasse fließen würde, dann gäbe es nur einen ganz geringen Werbeanteil und wir hätten ein tolles österreichisches Programm. Der ORF hat sehr viel österreichisches Programm in der Schublade. Allein von mir liegen sicher 15 fertig gedrehte Filme, die noch nicht ausgestrahlt wurden. Der Krimi "Der Täter" mit Erwin Steinhauer zum Beispiel. Beim ORF wird das Geld in dem Moment geltend gemacht, indem der Film ausgestrahlt wird. Das heißt, wir haben irrsinnig viel Programm, der ORF kann es aber nicht ausstrahlen, weil er es sich nicht leisten kann. Die Politik gibt ihm nicht das Geld, das ihm zusteht. Sie ist nur an der "Zeit im Bild" interessiert.

Wie ist Ihre Situation als Drehbuchautor?

Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen, weil ich der Erste in der Nahrungskette bin und weil ich auch für deutsche Sender schreibe. Ein gewisser Kern von Autoren beherrscht den Markt. Aber das liegt auch daran, weil es so wenig gute Schreiber gibt. Die meisten Autoren kaufen sich einen Laptop und sagen so, jetzt bin ich Drehbuchautor. Aber so funktioniert das nicht. Ich habe seit zwei Jahren einen Lehrling.

Wieso sind US-Serien immer so erfolgreich und in Österreich gibt es außer dem "Kaisermühlen-Blues" kaum Kult-Serien?

Das liegt daran, dass der Vorspann von "CSI" so viel kostet, wie bei uns ein ganzer Film. Die haben ein ganz anderes Budget zur Verfügung. Außerdem geht es bei uns viel zu sehr um die Quote, man ist nicht mutig genug. Der Zuschauer würde gerne Unkonventionelles sehen, und wir möchten das auch gerne machen, aber dazwischen gibt es eine Instanz, die das verweigert, aus Angst, dass die Quote abstürzen könnte.

In Österreich werden vor allem Krimis produziert. Warum?

Das weiß ich auch nicht. Die Leute wollen unbedingt immer nur Krimis sehen.

. . . die Sie schreiben!

Ich schreibe so viele andere Sachen, die keine Krimis sind. Gemeinsam mit meinem Kollegen Rupert Henning kreiere ich derzeit eine neue Sitcom-Serie, "Die Steintaler", in der die nicht Sesshaften auf die Sesshaften treffen. Dann wird es eine neue Serie namens "Vitasek?" geben - aber auch neue Folgen von "Vier Hochzeiten und ein Todesfall".

Zur Person

Drehbuchautor Uli Brée wurde 1964 in Dinslaken/BRD geboren. Seit 1995 arbeitet er u.a. für den ORF. Aus seiner Feder stammen etwa "Vier Frauen und ein Todesfall", "Die Brüder", "Die kranken Schwestern", "Polly Adler". Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Tirol.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-01-21 15:26:57
Letzte Änderung am 2010-01-21 15:33:00

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