• vom 22.01.2010, 14:23 Uhr

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Update: 22.01.2010, 14:24 Uhr

Geschichte

"Unser Auftrag ist Aufklärung"




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Von Verena Mayer

  • Ein Besuch in der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg, die auf der ganzen Welt nach NS-Verbrechern sucht.

Der Dienstausweis von John Demjanjuk, in dem u.a. "27.3.43. Sobibor" eingetragen ist. Möglicherweise führt dieses Dokument zur Verurteilung Demjanjuks, gegen den zurzeit verhandelt wird. Foto: ZS Ludwigsburg

Der Dienstausweis von John Demjanjuk, in dem u.a. "27.3.43. Sobibor" eingetragen ist. Möglicherweise führt dieses Dokument zur Verurteilung Demjanjuks, gegen den zurzeit verhandelt wird. Foto: ZS Ludwigsburg Der Dienstausweis von John Demjanjuk, in dem u.a. "27.3.43. Sobibor" eingetragen ist. Möglicherweise führt dieses Dokument zur Verurteilung Demjanjuks, gegen den zurzeit verhandelt wird. Foto: ZS Ludwigsburg

Für einen deutschen Staatsanwalt kommt Kurt Schrimm erstaunlich viel herum. Allein im Jahr 2009 war er in Tschechien, Chile, Brasilien und den USA. Das liegt an den Spuren, die er verfolgt. Kurt Schrimm leitet die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen", jene deutsche Behörde, die auf der ganzen Welt nach NS-Tätern sucht.


64 Jahre nach Kriegsende ist das so, als wolle man in einem Ozean einen ganz bestimmten Fisch fangen. Kurt Schrimm muss seine Netze sehr weit auswerfen. Er muss nach Südamerika, um Einwanderungsakten zu sichten. Er muss Archive in Osteuropa aufsuchen, er muss nach Israel und ins Holocaust Memorial Museum von Washington.

Und sehr selten bleibt jemand in seinem Netz hängen. John Demjanjuk zum Beispiel, mutmaßlicher Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, nach dem Krieg in die USA ausgewandert.

Der Vorwurf lautet, dass in Sobibor zwischen März und September 1943, als Demjanjuk dort Dienst hatte, 27.900 Menschen ermordet wurden: Sie wurden von den Wachleuten mit Bajonetten in die Gaskammern getrieben. Ein Wachmann warf den Motor an, die Menschen erstickten an den Abgasen.

Der Fall Demjanjuk

Seit Ende November 2009 wird gegen Demjanjuk, der seine Unschuld beteuert, in München verhandelt. Die Beweislage sei gut, sagt Schrimm. Es gebe einen SS-Ausweis, der belege, dass Demjanjuk nach Sobibor abkommandiert worden war. Doch wird die Echtheit dieses Ausweises in Zweifel gezogen. Wenn Demjanjuk aber in Sobibor war, dann hat er vermutlich auch an den Morden mitgewirkt. Sobibor war ein reines Vernichtungslager.

Kurt Schrimm, 60 Jahre, leitender Oberstaatsanwalt, sitzt in seinem Büro in Ludwigsburg vor einer riesigen Weltkarte. In Gedanken ist er schon wieder in Brasilien, denn laut Geheimdienstberichten soll es dort noch lebende deutsche Kriegsverbrecher geben. Schrimm sieht sich allerdings nicht als Nazi-Jäger, "sondern als Detektiv". Als einer, der einem Hinweis nach dem anderen nachgeht. Zum Beispiel den Rotkreuz-Pässen, mit denen Nazi-Größen wie Adolf Eichmann oder Josef Mengele aus Europa geflüchtet waren. Sehr oft muss er aber resignieren. In Uruguay zum Beispiel gibt es 16.000 Einwanderungsakten, die wertlos sind, weil es keine dazugehörigen Kopien von Pässen gibt. In Argentinien haben die Behörden zwar die Pässe der Einwanderer kopiert, aber um die zu finden, müsste man insgesamt 800.000 Akten durchkämmen. Und das ist nicht zu schaffen.

Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg ist ein helles Gebäude, das wie eine Festung aussieht. Einst ein Gefängnis, werden hier seit 1958 solche NS-Verbrechen aufgeklärt, die außerhalb von Deutschland stattfanden. Graues Linoleum, abgestandene Luft, auf den Gängen wird mit "Mahlzeit" gegrüßt. Papier, wohin man schaut. Karteikarten, insgesamt 1,6 Millionen, davon 692.000 Namen von Tatverdächtigen und Zeugen. Akten über Deportationszüge, über Erschießungen, über SS-Kommandos. Juristensprache mischt sich mit dem perversen Deutsch der Nationalsozialisten, wo Massaker "Selbstreinigungsaktionen" heißen und Massenmörder "Einsatzgruppen".

Sehr oft steht auf den Aktendeckeln: Täter unbekannt . 1982 wollte man in der Zentralen Stelle erstmals Schlussbilanz ziehen. 28 Jahre später ermittelt die Justiz noch immer. Zehn Fälle übergibt die Zentrale Stelle im Jahr an die Gerichte, in zwei bis drei Fällen kommt es zu Prozessen.

1960 waren die Angeklagten im Durchschnitt 55,5 Jahre alt, Mitte der Siebziger 64,5. John Demjanjuk wird 90 Jahre alt sein, wenn (wie man erwartet) im Mai 2010 das Urteil über ihn gesprochen wird. Sein Verteidiger bezweifelt, dass er den Prozess überleben wird. Nicht länger als zwei Mal 90 Minuten täglich darf der Angeklagte laut ärztlicher Anweisung im Gerichtssaal sitzen, etliche Sitzungen sind wegen Demjanjuks Krankheit schon ausgefallen.

Für Schrimm wäre es nicht zum ersten Mal, dass ihm ein Täter wegstirbt. Vor kurzem wurde ihm aus den USA der Fall des Wachmanns Josias Kumpf übermittelt: der soll im SS-Lager Trawniki an der Erschießung von 8000 Juden beteiligt gewesen sein und hat eine ähnliche verschlungene Geschichte wie John Demjanjuk. Nach dem Krieg war Kumpf nach Amerika ausgewandert und von dort im Frühjahr 2009 nach Wien abgeschoben worden, wo seine Taten allerdings verjährt waren. Kaum hatte Schrimm alles Nötige getan, um herauszufinden, wie Kumpf vielleicht doch noch vor ein deutsches Gericht gestellt werden könnte, erhielt er die Nachricht vom Tod dieses Mannes.

Staatsanwalt Joachim Riedel erzählt vom Arbeitsalltag in Ludwigsburg. Er ist zurzeit mit der Brigade Dirlewanger beschäftigt, einem SS-Bataillon in Polen, in das Wilddiebe und andere Kriminelle zur Bewährung geschickt wurden. Die Einheit war bekannt für ihre Verbrechen an der Zivilbevölkerung, einmal stürmte sie ein Krankenhaus, befahl den Schwestern, sich auszuziehen, und schoss auf sie.

Riedel hat einen Berg Akten vor sich - doch nicht viel in der Hand. Viele Monate dauerte es, bis er in einem Museum in Warschau Karteikarten mit 86 Namen von Dirlewanger-Leuten aufgetrieben hatte. Weitere Monate vergingen, bis er herausfand, dass elf von den Männern noch am Leben waren. Und die alle sagen: wir wissen von nichts.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-01-22 14:23:51
Letzte Änderung am 2010-01-22 14:24:00


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