• vom 21.01.2010, 18:44 Uhr

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Update: 21.01.2010, 20:52 Uhr

Keine Ressourcen, kein Deutsch, kein Netzwerk: Frauen von Zuwanderern werden leicht zu Opfern von Gewalt

Migrantinnen füllen Frauenhäuser




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Von Stefan Beig

  • Immer mehr Migrantinnen setzen sich gegen Gewalt zur Wehr.
  • Fehlende soziale Sicherheit erschwert ihre Problemlage.
  • "Mit dem Ausbruch stirbt ein Teil von dir."
  • Wien. Migrantinnen sind in Österreichs Frauenhäusern besonders zahlreich: Die Hälfte aller Frauen, die jedes Jahr in den 26 Frauenhäusern des Vereins "Autonome Österreichische Frauenhäuser" Unterschlupf suchen, sind nicht österreichische Staatsbürgerinnen.

Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Familien. Migrantinnen haben es aber besonders schwer. Foto: apa

Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Familien. Migrantinnen haben es aber besonders schwer. Foto: apa

Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Familien. Migrantinnen haben es aber besonders schwer. Foto: apa

Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Familien. Migrantinnen haben es aber besonders schwer. Foto: apa Gewalt gegen Frauen gibt es in allen Familien. Migrantinnen haben es aber besonders schwer. Foto: apa

"Frauenhäuser waren immer wichtige Einrichtungen für Migrantinnen", betont Daniela Almer von der Informationsstelle des Vereins. Allerdings liege das nicht daran, dass Migrantinnen häufiger von Gewalt betroffen sind, sondern "weil sie meistens weniger Ressourcen haben: Wenn ich die Sprache nicht kann, kein Einkommen und kein soziales Netzwerk habe und mich vielleicht auch noch die eigene Familie unter Druck setzt, ist das Frauenhaus oft der einzige Ausweg."


Migrantinnen fällt es besonders schwer, sich gegen Gewalt in der Familie zu wehren. "Ich weiß von vielen Frauen, die sich nicht getraut haben, zu gehen", berichtet die türkisch-stämmige Gemeinderätin Sirvan Ekici (ÖVP). "Sie sind gefangen. Junge Frauen, die zwangsverheiratet wurden, haben oft nicht gelernt, die Behördenwege zu nützen. Daher nehmen sie Gewalt in Kauf. Dabei wünschen sich viele Frauen in der Community ein selbstbestimmtes Leben." Dennoch würden sie sich heute stärker als früher gegen Unterdrückung wehren. Die Gewalt könne dann aber sogar zunehmen, weil manche Männer damit nicht umgehen können.

Manchmal fehlt der Mut

"Es gelingt auch Frauen auszubrechen", erzählt Tülay Tuncel, kurdisch-stämmige Integrationssprecherin der SPÖ-Jugend. "Frauen, die ihre kulturell geprägten Verhältnisse verlassen, suchen Lebensqualität und Selbstbestimmung. Sie können bessere Entscheidungen fällen, weil sie nicht mehr auf konservative, kulturelle Vorgaben Rücksicht nehmen müssen. Man zahlt aber einen Preis dafür." Eine Basis an Selbstschutz und Persönlichkeit sei die Voraussetzung. Schwierig sei der Ausbruch auch, weil manchmal den Mädchen aufgrund der Erziehung durch ihre Mütter der Mut fehle. Ekici wie Tuncel meinen, dass man Öffentlichkeit und Behörden für Gewalt in Migrantenfamilien sensibilisieren muss.

Zerife Yatkin aus der Türkei gehört zu jenen Frauen, die sich erfolgreich von ihrem gewalttätigen Ehemann lösen konnten. Mit 16 Jahren wurde sie zu einer Ehe mit einem Mann gedrängt, mit dem sie nach Wien zog. Das Eheleben wurde zur Hölle. "Ich wurde geschlagen. Als ich nach sechs Jahren die Scheidung einreichte, war das für mich die Frage: Tod oder Scheidung", erzählt Yatkin. "Hätte ich nicht einen Sohn gehabt, wäre ich in die Türkei zurückgekehrt."

Was Yatkin half, war der Umstand, dass sie bereits Deutsch konnte und die österreichische Staatsbürgerschaft hatte. Aus diesem Grund plädiert die heutige Bezirksrätin der Grünen für Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis solcher Frauen: "Ansonsten ist die Frau vollkommen abhängig von ihrem Mann. Nur durch ihn bekommt sie ja ein Visum. Sie braucht soziale Sicherheit."

Sowohl Ekici als auch Tuncel sehen auch ein Problem in den Migranten-Communitys. "Gewalt an Frauen ist ein Thema in der Migranten-Szene", meint Sirvan Ekici. "Natürlich gibt es auch Gewalt in der Mehrheitsbevölkerung, aber in manchen Migranten-Kreisen ist es eine bestimmte Ausdrucksform." Ähnlich erklärt Tuncel. "Die Konflikte in Familien mit Migrationshintergrund werden oft nonverbal ausgetragen."

"Macht der Familie auch gut"

Zerife Yatkin hält freilich den Ausbruch aus dem eigenen Milieu nicht für die beste Lösung. "Ich selber bin nicht ausgebrochen und sehe noch die Verwandten meines Ex-Mannes, die mich respektieren. Ich weiß nicht, ob ich so glücklich wäre, wenn ich mein Milieu ganz verlassen hätte. Viele Frauen wollen nicht ausbrechen, weil sie Gemeinschaft, Kultur und Musik in ihrer Community lieben. Mit dem Ausbruch stirbt ein Teil von dir selbst. Das habe ich in einigen Fällen erlebt. Es kann nicht die Lösung sein, die Frauen aus ihrem Milieu hinaus zu nehmen."

Yatkin wehrt sich auch gegen Migranten-Klischees. "Viele türkische Väter opfern sich für ihre Familie auf und führen eine glückliche Ehe. Wir tun diesen Männern Unrecht." Auch die Rolle der Migranten-Familien könne positiv sein. "Die Macht der Familie ist gut, wenn die Familie hinter der Tochter steht. Überall, wo die Ehefrau Rückhalt bekommt, getraut sich der Mann nicht."



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-01-21 18:44:00
Letzte Änderung am 2010-01-21 20:52:00

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