• vom 12.01.2010, 16:05 Uhr

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Update: 12.01.2010, 16:08 Uhr

Kosmos Theater: "Das Theater mit dem Gender" feiert ein hart um- und erkämpftes zehnjähriges Jubiläum

"Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit"




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Von Verena Franke

  • Barbara Klein über geschlechtsspezifische Blickwinkel.
  • "Wir unterliegen einer Gehirnwäsche."
  • Wien. "Frauen brauchen Raum" war die Forderung für einen Ort, der explizit dem Schaffen von Künstlerinnen gewidmet ist. Im Jahr 2000 war es dann soweit: Das Kosmos Theater, bis 2003 kosmos.frauenraum benannt, öffnete seine Pforten. Zehn Jahre später zieht Barbara Klein, die Intendantin des Kosmos Theaters, Bilanz.

"Wiener Zeitung":

Kosmos-Intendantin Barbara Klein. Foto: Bettina Frenzel

Kosmos-Intendantin Barbara Klein. Foto: Bettina Frenzel Kosmos-Intendantin Barbara Klein. Foto: Bettina Frenzel

Was hat das Kosmos Theater in zehn Jahren bewirkt?


Barbara Klein: Das kann man nur hoffen, nicht behaupten. Die Hoffnung ist eine Fokussierung darauf, dass Kunst nicht gleich Kunst von Männern ist, wie wir sie sonst erleben. Also 95 Prozent von Männern geschrieben, 90 Prozent von Männern inszeniert - ich spreche dabei nur von den realisierten Kunstwerken. 80 Prozent Regisseure, männliches Denken, männliche Geschichtsauffassung, männliche Politik: All das sehen wir permanent auf den Bühnen. Damit unterliegen wir permanent einer Gehirnwäsche.

Einer Gehirnwäsche?

Ja, einer patriarchalischen Gehirnwäsche. Und die Hoffnung besteht darin, dass, wenn man eine Institution wie das Kosmos Theater gründet, die oder der Andere vielleicht drauf kommt, dass es noch einen anderen Blickwinkel geben kann und muss als den zugegebenermaßen vielfältigen männlichen.

Liegt somit Ihre Priorität als Intendantin nicht in der Kunst selbst, sondern vorrangig im Frau-Sein?

Definitiv nein. Es geht mir um die Kunst und darum, dass die Kunst nur zu einem kleinen Teil sichtbar und erlebbar ist. Weil 52 Prozent der Menschheit davon ausgeschlossen sind. Ich sag das jetzt einmal sehr brutal und verkürzt. Frauen dürfen die Kunst nicht prägen, interpretieren, produzieren, komponieren und dann zeigen.

Und wie ist Ihnen Ihr Gegenkonzept in den zehn Jahren gelungen?

Ich glaube, sehr gut. Wir haben eine Auslastung von 65 Prozent. Das ist natürlich steigerungsfähig. Aber wir sind noch keine 100 Jahre alt, sondern erst zehn. Und auch in Betracht der Umstände und gegen einige Widerstände.

Welche Widerstände?

Politische. Parteipolitische Widerstände. Wir waren ja nicht jene, die von Bund und Stadt gewünscht waren und mit einem Juchhu empfangen wurden. Das Theater für Künstlerinnen mussten wir vor zehn Jahren mühevoll erkämpfen.

Wirklich erkämpfen, nicht? Etwa mit der Besetzung eines Pornokinos. . .

Ja, mit Demonstrationen, mit Sit-ins im Bundeskanzleramt, im Kulturamt mit Slogans wie "Wir gehen hier nicht weg, bis wir eine Zusage haben". Mit dem Jausensackerl sind wir gekommen und nicht mehr gegangen.

Und Sie waren erfolgreich.

Es gibt viele Komponenten, die zum Erfolg beigetragen haben. Aber die Inhalte, die wir vermitteln wollen, und natürlich die Unterstützung von Prominenten wie Robert Menasse, Christine Nöstlinger, Elfriede Jelinek, Hermes Phettberg, Johannes Mario Simmel und vielen mehr waren sicherlich ausschlaggebend.

Welcher politische Wind weht Ihnen nun entgegen?

Es ist jetzt ein anderer Ton eingekehrt auf Bundesseite. Ich erlebe jetzt zum ersten Mal, dass die Partner, als solche habe ich die Beamten immer begriffen, sich selbst als Partner empfinden und auch als Servicestelle. Und nicht als monarchistischer Abschasserl-Betrieb.

Seit wann weht dieser Wind?

Seit Claudia Schmied (Kulturministerin, Anm.).

Sie sagten, dass der weibliche Blickwinkel der Kunst oberste Priorität besitzt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Stücke aus?

Es muss zumindest eine Künstlerin im Leading-Team sein, und die Stücke sollen sich mit Rollenbildern und -stereotypen auseinandersetzen. Dazu kommt, dass sie möglichst von Frauen stammen. Ich möchte hier Autorinnen fördern, weil es viel zu wenige beim Theater gibt.

Weshalb eigentlich?

Weil die Kunstproduktion nirgends ausgeglichen ist. Und je mehr Ressourcen notwendig sind, um die Kreativität an die Frau oder an den Mann zu bringen, umso schwieriger wird es. Ein Stück braucht einen Verlag, ein Theater, welches das Stück auch wirklich auf die Bühne bringt, und es braucht gute Kritiken. Dann ist die Uraufführung geschafft und dann ist nichts mehr. Leben kann man davon nicht.

Müssen nicht auch Männer davon leben können?

Die haben Seilschaften, von denen wir nur träumen können. Schauen Sie sich die ganzen Hierarchien an. Ob das nun Medien sind oder Bundestheater.. . Machtverteilung kann man nicht ohne Macht verändern. Natürlich kann man sich in ein Winkerl setzen und einen Strickkurs aufmachen, aber das wird niemandem schaden oder nützen (lacht).

Gibt es eigentlich ähnliche Theater in Europa?

Nein. Kosmos ist das einzige in Europa, das einzige auf der Welt. Und ich habe sehr, sehr, viel dazu recherchiert. Es mangelt hier oft an Geld, aber es gibt wunderbare künstlerische und technische Möglichkeiten.

Haben Sie sich wirklich zehn Jahre Kosmos erhofft?

Ja, denn sonst hätte ich aufgegeben. Es sollte zwei, drei Häuser in Wien geben und eigentlich in jeder Großstadt in Europa.

Wie werden Sie das zehnjährige Kosmos-Jubiläum feiern?

Fulminant, würde ich sagen. Wir beginnen mit einer Eröffnung am 8. März, dem internationalen Frauentag, an dem Frauenstadträtin Sandra Frauenberger die Festrede halten wird. Die Jubiläumswoche mit einer Kunstaktion "Weiß waschen", einer Ausstellung zur Geschichte des Theaters von Bettina Frenzel, der Präsentation des Buches "Das Theater mit dem Gender", Live-Musik, einem Film und vielem mehr. Am Tag darauf folgt ein dreitägiges Symposium zu "Theater mit dem Gender" mit Kapazundern aus der feministischen Wissenschaft, Philosophie und Politik. Und am 13. März gibt es dann zehn Stunden Kunst mit 100 internationalen Künstlerinnen, die "Lange Nacht der Künstlerinnen".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-01-12 16:05:18
Letzte Änderung am 2010-01-12 16:08:00

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