• vom 11.12.2009, 17:26 Uhr

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Update: 11.12.2009, 17:27 Uhr

Die "Wiener Zeitung" befragte jene Geschäftsleute, die bisher gut vom und neben dem Südbahnhof existierten

"Leicht wirds net, ohne Bahnhof!"




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Von Werner Grotte

  • Kundenschwund von Wirtshaus bis Apotheke befürchtet.
  • "Okay"-Markt sperrt ersatzlos.
  • Taxler bekommen "Sparvariante".
  • Wien. "Des gibts do net, wo soll i denn bis morgen des Reisegepäck hintuan?", empört sich ein älteres Paar Freitag Mittag am Kundenschalter des Südbahnhofes. "De Schließfächer sind scho gsperrt, der Bahnhof wird aufgelassen!", belehrt sie ein genervter ÖBB-Mann, "fahrns am Praterstern". - "Do kann i glei hamfahren, so a Frechheit!", schimpft das Paar und schleppt drei riesige Koffer hinaus.

Der Wiener Südbahnhof, wie er - noch bis Jänner - aussieht. Foto: Gudrun Krieger

Der Wiener Südbahnhof, wie er - noch bis Jänner - aussieht. Foto: Gudrun Krieger

Der Wiener Südbahnhof, wie er - noch bis Jänner - aussieht. Foto: Gudrun Krieger

Der Wiener Südbahnhof, wie er - noch bis Jänner - aussieht. Foto: Gudrun Krieger Der Wiener Südbahnhof, wie er - noch bis Jänner - aussieht. Foto: Gudrun Krieger

Ähnlich geht es einer Dame, die vergeblich einen Bankomaten sucht: "Die sind alle weg, der nächste ist dort drüben, quer über den Gürtel - bei dem Regen eine Weltreise!", ärgert sich die Bahn-Kundin. Am Südbahnhof herrscht am letzten Betriebstag vor der endgültigen Sperre am Samstag - der letzte Zug fährt Sonntag 0.05 Uhr ein - Endzeitstimmung. Die meisten Geschäfte sind zu, davor machen viele Schaulustige noch letzte Fotos vom alten Südbahnhof.


Besorgte Unternehmer

Aber auch die Geschäftsleute der Umgebung sind in Sorge: "Durch die Baustelle werden von der Arsenal-Seite her viele Kunden nicht mehr zu uns finden", befürchtet etwa Klaudia Ratasich von der "Johannes Apotheke", Wiedner Gürtel 14. Die Situation sei in manchen Bereichen schon jetzt "chaotisch", speziell bezüglich Bauinformation.

Besorgt gibt sich auch Gabriella Biondi vom gleichnamigen italienischen Eissalon nebenan: "Wir werden jetzt zwei Monate umbauen und das Angebot vergrößern, damit es neben Eis auch frisch gemachte warme Gerichte und Mehlspeisen gibt", sagt die Lokalbesitzerin und zeigt auf selbstgemachte Vanille-Krapfen und ein Bio-Tee-Sortiment. Verluste werde es aber sicher geben, weil man bisher typisches Anlaufziel für Reisende sei - mit Schanigarten zum Gürtel: "Drei Jahre sind eine lange Bauzeit, aber wir wollen durchhalten."

Ausgedient: Die alte Eisenbahner-Kegelhalle.

Ausgedient: Die alte Eisenbahner-Kegelhalle. Ausgedient: Die alte Eisenbahner-Kegelhalle.

Auch der "Puntigamer Hof" Ecke Mommsengasse, seit Jahrzehnten kulinarische Anlaufstelle für Anrainer, Bahn-Mitarbeiter und Touristen, muss sich umstellen: "Leicht wirds nicht ohne Bahnhof", sagt Wirtin Christine Prochaska. Man habe viele Eisenbahner als Stammgäste gehabt. Wie sich die Riesenbaustelle auswirken wird, weiß sie nicht: "Zum Glück geht unser Garten in den Hof, aber wir werden die bisherigen Ruhetage Samstag, Sonntag opfern, um das Geschäft anzukurbeln", hofft die Gastronomin "auf hungrige und durstige Bauarbeiter als Ersatz". Immerhin gelte es, zehn Mitarbeiter durch diese Krise zu führen.

Schräg gegenüber, direkt im Bahnhofsgebäude, blickt man im "Okay"-Markt, dem langjährigen Anbieter von Reiseproviant und Lebensmitteln, schon seit Tagen durch sich leerende Regale: Abverkauf, denn am Samstag wird geschlossen.

Pokern um Mieten

"Wir hatten mit den ÖBB eine mündliche Vereinbarung für ein Ersatzlokal am Bahnhof Meidling - doch plötzlich will man dort lieber eine VIP-Lounge aufmachen", ärgert sich "Okay"-Geschäftsführer Jan Wiedey. Er hofft, ab 2013 im neuen Bahnhof wieder mit dabei zu sein, "weil da verhandeln wir dann mit einer Betreibergesellschaft, die das als Ganzes sieht und nicht mehr nur als Bahnhof, so wie die ÖBB". Die frei werdenden Beschäftigten will man an den anderen fünf "Okay"-Standorten unterbringen.

Vor einer großen Herausforderung steht man beim "Anker" am Bahnhofs-Eck gegenüber, wo bisher an guten Tagen 18 Mitarbeiter 3000 Kunden versorgten: "Wenn wir am Sonntag zu Mittag zusperren, wird alles abgebaut, die Öfen, die Regale, die Ware - und am Montag um 5.30 eröffnen wir wieder im Container auf der Ostseite", sagt Filialbetreuer Michael Biskup. Das bleibe vorerst über von den drei Anker-Filialen am Südbahnhof. Allerdings erwarte man auch einen Kundenrückgang um 50 Prozent. Wie man im neuen Hauptbahnhof vertreten sein wird, ist noch offen: "Das kommt auf die Mieten an", sagt Biskup. Dem Vernehmen nach wird im ganzen Grätzel schon heftig um Mieten gepokert: Viele Geschäfte haben befristete Mietverträge, immer mehr andere stehen leer.

Wer Abschied feiern will, kann dies zweimal tun: Eine konventionelle Feier gibt es am letzten Betriebstag, 12. Dezember, Nachmittag. In völlig anderem Licht erscheint die Bahnhofshalle letztmalig am 18. Dezember beim "Urban Destruction-Clubbing" ab 21 Uhr. Abendkasse: 18 Euro.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-12-11 17:26:57
Letzte Änderung am 2009-12-11 17:27:00

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