• vom 01.12.2012, 18:03 Uhr

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Update: 10.12.2012, 14:51 Uhr

Film

"Lourdes ist ein böses Märchen"




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Von Christina Mondolfo

  • Filmregisseurin Jessica Hausner im Gespräch über Wunder und die Hoffnung, dem Tod zu entkommen

Filmregisseurin Jessica Hausner.

Filmregisseurin Jessica Hausner.© APA/epa Filmregisseurin Jessica Hausner.© APA/epa

Wien. In ihrem bereits mehrfach ausgezeichneten Film "Lourdes", der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, zeigt die österreichische Regisseurin Jessica Hausner den Alltag einer Pilgerreise in den französischen Wallfahrtsort - und ein Wunder, das vielleicht doch gar keines ist.


Es sei ein langer Entwicklungsprozess gewesen, herauszufinden, warum sie überhaupt einen Film über Wunder machen wollte, erzählt Hausner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Letztendlich habe sie ein besonderer Aspekt fasziniert: "Es ist ein Wunder, glücklich zu sein und ein erfülltes Leben zu führen, das ist eigentlich das Wunder, um das es geht. Oder Liebe zu finden. Auch die Liebesgeschichte im Film ist mehr Sehnsucht als Erfüllung derselben."

Sie selbst bezeichnet "Lourdes" als "böses Märchen": "Ein Märchen ist es, weil es im Grunde eine einfache Erzählung ist, eine Parabel, ein Gleichnis. Die Figuren sind Prototypen, vergleichbar mit anderen Märchenfiguren wie etwa in Heidi - die arme Clara im Rollstuhl, das ist Christine, oder die lustige Heidi, das ist die Helferin Maria. Und böse ist es deshalb, weil zwar ein Wunder geschieht, das aber neue Probleme hervorruft und nicht die gewünschte Erlösung bringt - und es hält möglicherweise nicht."

Die gewisse Rührung, die manchmal zu spüren ist, sei bei ihr jedenfalls nicht aus dem Ort Lourdes selbst entstanden: "Lourdes und vor allem die Hoffnung der Pilger empfand ich zunächst als absurd, bis ich verstand, was wir alle mit diesen Pilgern gemeinsam haben: Es ist genau diese Hoffnung, dem Elend und eigentlich dem Tod zu entkommen - obwohl jeder weiß, dass es letztendlich nicht möglich ist. Und das ist absurd."

Lourdes und die Realität

Lourdes ist das katholische Synonym für Wunderheilungen. Dort eine Drehgenehmigung zu bekommen, war langwierig: "Ich habe aus Recherchegründen öfter Pilgerreisen begleitet und dabei schon mit den öffentlichen Stellen Kontakt aufgenommen. Die haben mich und meine Filme genau unter die Lupe genommen und schließlich zugesagt. Sie wussten auch über den Inhalt Bescheid - ihnen war klar, dass man von einem Arthouse-Film nicht erwarten kann, dass es ein Lourdes-Promotionfilm wird."

Gedreht hat sie auf Französisch, das habe eine gewisse produktive Distanz geschaffen: "Ich habe mich manchmal wie ein Zuschauer gefühlt, wie ein Forscher, der dorthin kommt und sich fragt, was die da alle eigentlich machen."

Die Charaktere aus "Lourdes" hat Hausner im realen Leben gefunden: "Ich habe während dieser Pilgerreisen Interviews mit verschiedenen Leuten gemacht - Pilgern, Pflegern, Maltesern, Priestern. Sie sind zum Teil Vorbilder für meine Filmfiguren. Es war immer eine Art Spiel und Gegenspiel: Ich hatte eine bestimmte Figur im Kopf und habe ganz dezidiert bestimmte Leute angesprochen. Oder ich habe Leute angesprochen, die dann zu einer Filmfigur wurden."

So ganz ist ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Wunder durch ihren Film aber nicht abgeschlossen: "Es ist eine Auseinandersetzung, die nicht auflösbar ist: Was kann man vom Leben erwarten, was kann man beitragen, ist man ein Opfer von Zufällen oder darf man eine berechtigte Hoffnung haben, dass die Dinge sich auch so entwickeln können, wie man es möchte?" Was in Summe ja einen neuen Film ergeben könnte . . .
(Artikel vom 9. Dezember 2009)


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-12-09 18:03:00
Letzte Änderung am 2012-12-10 14:51:47

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