• vom 19.11.2009, 16:25 Uhr

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Update: 19.11.2009, 16:29 Uhr

Volksoper: Choreograph Davide Bombana debütiert mit seinem "Carmen"-Ballett am Samstag in Wien

"Das ist wie Ziehharmonika spielen"




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Von Verena Franke

  • Bombana orientiert seine Choreographie am Klassischen.
  • Es geht "um die Unfähigkeit, sich für die Liebe zu opfern".
  • Wien.Davide Bombana tanzt in riesigen Fußstapfen. Der Mailänder Choreograph zeigt morgen, Samstag, in der Wiener Volksoper seine Neuinszenierung von "Carmen". Er schließt sich damit einer langen Reihe von Ballettschaffenden wie Roland Petit oder Mats Eck an, die Carmen stetig modernisierten. Mit der Tänzerin Ketevan Papava hat Bombana die Bühnenfigur der Carmen neu definiert.

"Wiener Zeitung"

Voller Körpereinsatz ist gefragt: Solistin Ketevan Papava und Choreograph Davide Bombana entwickeln gemeinsam die Rolle der Carmen. Foto: Robert Strasser

Voller Körpereinsatz ist gefragt: Solistin Ketevan Papava und Choreograph Davide Bombana entwickeln gemeinsam die Rolle der Carmen. Foto: Robert Strasser Voller Körpereinsatz ist gefragt: Solistin Ketevan Papava und Choreograph Davide Bombana entwickeln gemeinsam die Rolle der Carmen. Foto: Robert Strasser

: Warum gerade "Carmen"?


Davide Bombana: Ich wollte schon immer "Carmen" choreographieren. Doch die Bizet-Musik erschien mir schwierig und die Verbindung zur Oper allgegenwärtig. Ich war mir nicht sicher. Und dann wurde mir die Entscheidung seinerzeit in Toulouse abgenommen und ich musste mich damit beschäftigen.

Die erste Fassung in Toulouse war aber ein Einakter?

Bombana: Ja, diese Version dauerte 50 Minuten.

Wie gehen Sie nun vor, den Einakter zu einem abendfüllenden Ballett zu erweitern?

Bombana: Dass ist wie Ziehharmonika spielen. Der Anfang und das Ende sind gleich. Ich finde sie gut. In der kurzen Fassung gab es Momente, die zeitlich einfach zu knapp bemessen waren. Etwa die Präsentation der Fabriksfrauen und auch der Tod von García. Da fehlte der dramaturgische Sinn. Wir haben diese Löcher gefüllt; wie ein Puzzle aneinander gefügt.

Sie treten mit Ihrer "Carmen" in sehr große choreographische Fußstapfen. Was ist an Ihrer Version anders?

Bombana: Ich sehe "Carmen" als einen zeitlosen Stoff und habe die Vereinsamung der einzelnen Charaktere stärker dargestellt. Das macht die Geschichte modern und zu einer Tragödie der Isolation: Denn jeder liebt einen anderen, aber keiner ist bereit, Kompromisse für diese Liebe einzugehen. Und dann habe ich versucht, die Geschichte und die seelischen Zustände zu zeigen. Deshalb habe ich moderne Musik, mit Stimmeffekten von Vokalisten wie Walter Fähndrich, Alexander Knaifel und Meredith Monk eingebaut.

Gibt es ein Beispiel dazu?

Bombana: Etwa wie Carmen das erste Mal auf José trifft. Mit der Musik von Meredith Monk zeige ich, wie beide in ihren Identitäten verschlossen sind. Oder auch Carmens Angst, alt

zu werden. Sie versteht, dass das Leben, das sie führt, mit ihrer Jugend verbunden ist. Und der Gedanke, alt zu werden, ist für sie nicht zu akzeptieren. Und hier kommt erstmals der Gedanke an den Tod. In der Oper gibt es die Wahrsagerin, die ihr den Tod vorhersagt. In meiner Fassung weiß Carmen instinktiv, dass ihr Schicksal ein früher Tod ist.

Halten Sie Ihre Inszenierung streng an die Novelle von Prosper Mérimée?

Bombana:Teils, teils. Bei Carmens Ehemann García etwa. Ich habe auch die Micaela aus der Oper übernommen. Ich wollte die Geschichte einfach etwas dichter machen und die beiden Charaktere, die auch für sich selbst isoliert leben, einfügen. Denn Micaela liebt José, aber José liebt Carmen und Carmen Escamillo; eine Gruppe isolierter Seelen.

Gibt es für Sie eine persönliche Verbindung zu Carmen?

Bombana: Uhi, das ist eine schwierige Frage. Darüber hab ich noch nie nachgedacht. Mit Carmen kann ich mich sicher nicht identifizieren. José? Naja, ein Mann zu sein heißt auch, egoistisch zu sein. Vielleicht wie José.

Wie gefällt Ihnen die Rolle der Carmen?

Ketevan Papava: Ich kann mich mit der Choreographie und auch dem Charakter identifizieren. Carmen ist eine sehr starke Frau, die ihren Kopf durchsetzt, egal was andere Menschen sagen. Als es José nicht gelingt, sie zu verändern, bringt er sie um.

Bombana: Das ist genau die Quintessenz.

Papava:Carmen und José sind sehr starke Persönlichkeiten. Deshalb können sie nicht zusammen sein. Es gibt Paare, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander leben können.

Wie bereiten Sie sich für die Rolle der Carmen vor?

Papava:Carmen ist ein Teil meines Lebens. Als ich zehn Jahre alt war, verließ ich Georgien und ging nach St. Petersburg. Dort lebte ich mit meiner Tante, einer Opernsängerin. Ihre erste große Rolle war Carmen und seither hörte ich diese Musik. Natürlich habe ich auch die Novelle gelesen. Und als Harangozó (Gyula Harangozó, Chef des Balletts der Staatsoper und Volksoper, Anm.) mir mitteilte, dass ich die Rolle tanzen werde, war das erste, was ich tat, meine Tante anzurufen, um es ihr mitzuteilen.

Wie wird diese "Carmen" getanzt?

Bombana: Die Basis ist neoklassisch, denn ich verwende Spitzenschuhe. Aber ich versuche den Oberkörper soviel und -weit zu bewegen, wie es der Tanz auf den Spitzen zulässt.

Papava: Während der Probe sage ich Davide oft, dass ich Spitzenschuhe an- hätte und diese Bewegung so nicht machen kann. Er meint dann nur, dass ich es probieren solle. Aber es ist harte Arbeit, denn ich muss meinen Oberkörper extrem kontrollieren.

Bombana: Auch sind die Bewegungen sehr tief angesetzt trotz der Spitzenschuhe, die man ja für eine Körpererhöhung einsetzt.

Sie beginnen also die Proben mit einem Konzept und erarbeiten dann die Bewegungen mit den Tänzern?

Bombana: Die neuen Teile des Stücks sind gemeinsam erarbeitet. Das ist wesentlich interessanter, als bereits eine fertige Choreographie einzustudieren. So kann man auf die besonderen Fähigkeiten jedes einzelnen eingehen.

Papava: Wir sind immer auf der Suche nach besseren Lösungen.

Bombana: Es ist sehr produktiv, eine Spur vorzugeben, die dann Ketevan weiter entwickelt. Das ist wie Ping-Pong. Und ich lerne daraus genauso. Diese Art der Arbeit ist mir am liebsten.

Sie haben mit allen Solisten so gearbeitet?

Bombana: Ja, aber es ist mit jedem einzelnen ein wenig anders.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-11-19 16:25:41
Letzte Änderung am 2009-11-19 16:29:00

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