• vom 02.11.2009, 18:26 Uhr

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Update: 02.11.2009, 19:13 Uhr

Parteimanager bewerten die Uniproteste - Studenten jubeln über Solidarisierungswelle

"Ein Lehrbeispiel für Parteien"




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Von Walter Hämmerle und Nina Flori


Das Lob stammt von keinem Geringeren als Josef Kalina, langjähriger Kam-pagnenmanager der Bundes-SPÖ unter Viktor Klima und Alfred Gusenbauer. Für ihn zeigt das Beispiel vor allem eines: "Habe ich ein Thema, das meiner Zielgruppe wirklich unter den Nägeln brennt, dann läuft vieles wie von allein", erläutert Kalina.


Die Wahlkämpfer aller Parteien haben gute Gründe, die Entwicklung des Proteststurms an den heimischen Unis ganz genau zu beobachten: Normalerweise pilgern diese nämlich über den großen Teich, um sich in Sachen Kampagnentechnik in den USA auf den neuesten Stand zu bringen. Jetzt haben sie die Gelegenheit dazu quasi vor der eigenen Haustür.

Herbert Kickl, der kreative Kopf hinter den FPÖ-Wahlkämpfen, bringt auf den Punkt, was seinesgleichen an den Studentenprotesten interessiert: "Ein spannendes Phänomen, weil sie zeigen, wie auf unkoordinierte Art und Weise etwas Koordiniertes zustandekommen kann."

Der Schlüssel zu Erfolg und Dynamik des studentischen Aktionismus sind die neuen interaktiven Medien wie Internet, Facebook oder Twitter. Lothar Lockl, ehemaliger Parteistratege der Grünen: "Das ist - wenngleich in der Tradition des zivilgesellschaftlichen Protests - eine neue Form der Organisation und Kommunikation politischer Interessen." Lockl schließt angesichts der Studentenkritik am Bologna-Prozess nicht aus, dass der Protest von Wien aus in die EU hin-überschnappt.

Die Bewährungsprobe für die Protestbewegung kommt jedoch erst noch: "Wie kann die Aufmerksamkeitsspirale am Leben erhalten werden?", fragt Lockl. Gelingt dies, komme die klassische Politik mit ihrem typischen Reaktionsschema nicht mehr weiter. Laut Lockl sind diese: Zuerst versuchen, das Thema zu ignorieren; hilft das nicht, greift man zu symbolischen Aktionen; erst wenn auch diese ihre Wirkung verfehlen, sei die Politik gezwungen, sich ernsthaft mit dem Thema zu befassen.

Die Studenten schwimmen derweil weiter oben. Dass man wohl kaum alle Forderungen wird umsetzen können, nimmt man gelassen: "Man muss viel wollen, damit man ein bisschen etwas bekommt", sagt der 23-jährige Jusstudent Lutta. Nun gehe es darum, den entstandenen Raum für Diskussionen zu nutzen - zu dieser seien alle Mitglieder der Gesellschaft eingeladen.

"Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam mit Schülern, Arbeitern und Migranten - also Menschen, die in unserer Gesellschaft auch Probleme haben - Lösungskonzepte erarbeiten. Dazu sind die Politiker offenbar nicht fähig", meint die 24-jährige Soziologiestudentin Yogi. Noch, fügt sie hinzu, gebe es auch unter den Audimax-Besetzern keine gemeinsame Meinung darüber, welche Änderungen im Detail erreicht werden sollten. Auf jeden Fall will man weiter nur im Kollektiv vorgehen, "damit die Menschen wieder daran glauben, dass sie etwas verändern können".

Unterdessen geht eine Flut an Solidaritätserklärungen ein: 2623 Unterstützer zählt die Protest-Homepage, darunter 49 Unis aus der ganzen Welt sowie zahllose Betriebsräte und Gewerkschafter.

Die Kampagne

Wien. (flor) Die protestierenden Studenten - alle samt Angehörige der "Internet-Generation" - zeigen mit ihren Mobilisierungs- und Vernetzungsaktionen gerade vor, wie Organisation mithilfe neuer Medien funktioniert. Dabei im Einsatz:

* Die eigens für den Protest eingerichtete, mittlerweile sehr umfangreiche Homepage www.unsereuni.at.

* Facebook: Die Gruppe "Die Uni brennt" verzeichnet bereits 24.588 Mitglieder.

* Ein von der Homepage abrufbarer Live-Stream ermöglicht es, das Geschehen rund um die Uhr mitzuverfolgen.

* Ein eigenes "Wiki" wurde zur Unterstützung des dezentralen Informationsflusses eingerichtet.

* Eine große Anzahl von Menschen wird über Twitter erreicht.

* Die erste Ausgabe der gedruckten Besetzer-Zeitung "Morgen" ist am Mittwoch in einer Auflage von 1000 Exemplaren erschienen und an wichtigen Verkehrsknotenpunkten verteilt worden.

* Organistationszentrale Pressestelle: Mit zahlreichen Laptops, und vor allem W-Lan, wird dort dafür gesorgt, das Protest-Geschehen in die Welt zu tragen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-11-02 18:26:00
Letzte Änderung am 2009-11-02 19:13:00

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