• vom 06.11.2009, 15:02 Uhr

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Update: 06.11.2009, 15:04 Uhr

Deutschland

Tätowierungen auf Beton




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Von Ralf Hanselle

  • Mit der Berliner Mauer verschwanden auch die auf der Westseite angebrachten Kunstwerke - fast 45 Kilometer mit Graffiti, Signaturen und Übermalungen.

Ein paar Meter Mauerkunst von Terry Noir. Foto: Noir

Ein paar Meter Mauerkunst von Terry Noir. Foto: Noir Ein paar Meter Mauerkunst von Terry Noir. Foto: Noir

Joseph Beuys sagte am 7. August 1964: "Dies ist ein Bild und sollte wie ein Bild betrachtet werden." Beuys, damals Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf, griff zu Papier und Stift und machte einen zweiseitigen Aktenvermerk. Empfänger: das Ministerium für Inneres. Betreff: Erhöhung der Berliner Mauer um fünf Zentimeter.


Eine durchaus groteske Angelegenheit. Seit drei Jahren schon zerriss die Berliner Mauer die Stadt und trennte den Westen vom Osten. Menschen hatten hier ihr Leben verloren, Hoffnungen waren durch sie zerstört worden. Doch die politische Realität schien Joseph Beuys nicht zu interessieren. Er nahm die Schandarchitektur als unproportioniertes Kunstwerk zur Kenntnis. "Die Betrachtung der Berliner Mauer aus einem Gesichtswinkel, der allein die Proportion des Bauwerks berücksichtigt, entschärft sofort die Mauer", schrieb Beuys 1964 in seinem eigentümlichen Vermerk an den Innenminister.

Obwohl es zynisch klang - so ganz Unrecht hatte Joseph Beuys nicht. Man musste dafür nicht einmal seinem erweiterten Kunstbegriff anhängen, wonach Kunst Leben und - im Umkehrschluss - Leben Kunst ist. Ein wenig architektonische Sachkenntnis reichte aus, um zu erkennen: In ihrer Dreiteilung Sockel, Wandfläche und Stacheldraht-Kapitell folgte die Berliner Mauer jener klassischen Bauweise, die uns aus der griechischen Antike überliefert ist.

Die DDR-Machthaber hatten in diesem Sinne ganze Arbeit geleistet. Sie hatten nicht nur die Freiheit pervertiert, sondern auch die Schönheit auf dem Gewissen. Sollte die Mauer also tatsächlich wie ein Gegenstand der Kunst betrachtet werden, dann fehlte diesem eben das Ebenmaß. Beuys hatte den Makel erkannt. Vielleicht war das der Grund dafür, dass er sich danach Zeit seines Lebens nie mehr für das deutsch-deutsche Monstrum interessiert hat. Für jene aber, die später die West-Seite der Mauer als gigantische Leinwand entdeckten, lieferten Beuys Mauerbetrachtungen eine reichhaltige Inspirationsquelle. Und noch viele Jahre später dankte man dem Künstler seine kreativen Aneignungsversuche.

Beuys und Boys

"I like Beuys", schrieb jemand auf die Mauer. Das war Mitte der 1980er Jahre. In den Augen vieler aus der Berliner Hausbesetzerszene hatte sich Beuys längst vom NS-Kampfpiloten zum linken Streetfighter gewandelt. Als Berliner Kunststudenten ein Haus des Sammlers Erich Marx "instandbesetzten", solidarisierte sich Beuys mit den aufmüpfigen Studenten, indem er ihnen einige Zeichnungen für eine Ausstellung übereignete. Ob das der Grund für die Wandschift in Höhe des Kreuzberger Bethaniendamms war?

Über deren Urheber und Motivation ist nichts überliefert. Wie die meisten Botschaften an der Berliner Mauer wurde auch diese anonym verfasst. Kurz nach Anbringung der Inschrift nutzte freilich ein anderer Mauermaler das mit schwarzen Buchstaben aufgetragene Geständnis, um es seinen eigenen Interessen anzupassen. Mit roten Farbe strich er den Namen des Künstlers durch und ersetzte diesen durch das Wörtchen "Boys".

Es waren solche Strategien der Umcodierung, welche die Westseite der Berliner Mauer in den 80er Jahren zu einem Eldorado für eine bunte Szene aus Sprayern, Künstlern und Street-Artisten werden ließ. Namhafte Maler wie Keith Haring oder Nora Aurienne versuchten sich an diesem "ästhetischen Seismographen des Ost-West-Konflikts" ebenso, wie vollkommen unbekannte Straßenkämpfer und Stadtguerilleros. Richard Hambleton schuf eine Neuinterpretation von Barnett Newmans "Who´s affraid of Red, Yellow, Blue"; Christophe Bouchet montierte mit einem banalen Pissoir eine Hommage an Marcel Duchamp an die steinerne Grenze; und der Bildhauer Peter Unsicker nutzte das Monstrum, um daran einen "Erlebniskorridor deutsch-deutscher Gegenwart" verlaufen zu lassen.

Am Anfang aber stand die Politik: Die West-Berliner Sponti- und Alternativszene hatte die Mauer früh als Medium des linken Protestes entdeckt. Sprüche wie "Zurück zur Natur" schafften es vorerst nur auf den Beton, dessen architektonische Nacktheit für die Urban-Alternativen eine gegen das Leben gerichtete Botschaft war. Mit immer neuen Parolen rückten sie der Mauer zu Leibe. Es waren Phantasieanschläge, die teils lustig, teils belanglos waren.

Doch die Inhalte waren zweitrangig. Es ging vor allem um die Entwaffnung eines Bedrohungspotentials. Der gleichförmig modernen Stadt sollte ihre Leere und Kälte genommen werden. Wer immer der Wand etwas anvertraute, der wollte öffentliche Beachtung finden. "Ich war hier", lautete dementsprechend der am meisten kopierte Spruch der 80er Jahre.

Die wichtigste Botschaft der Sprayer war freilich ihr Name. Mit ihren Schriftzügen und Bildern suchten sie Selbstvergewisserung. Ihre Vorbilder fanden sie in der New Yorker Untergrund-szene. Dort hatte sich schon einige Jahre zuvor eine rebellische Jugendkultur grafisch breitgemacht. Mit Graffitis und Writings hinterließen sie Kurznachrichten an den gleißenden Wagen der Subway-Züge. Doch auch in Berlin konnten sich Sprayer auf Traditionen berufen, wie etwa auf den Milieu-Maler Heinrich Zille (1858 - 1929), der bereits Jahrzehnte zuvor Wandbemalungen als Zitate in seine Bilder eingebaut hatte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-11-06 15:02:54
Letzte Änderung am 2009-11-06 15:04:00


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