• vom 21.10.2009, 17:37 Uhr

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Ungewöhnliche Entführung: Arzt wurde gefesselt und geknebelt vor Justizgebäude gelegt

Späte Rache nach 27 Jahren




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

  • Mediziner soll am Tod eines Mädchens schuld sein.
  • In Frankreich zu 15 Jahren verurteilt.
  • Deutschland hatte seine Auslieferung verhindert.
  • Paris. Gefesselt, geknebelt und mit leichten Kopfverletzungen lag er vor einem Gerichtsgebäude in der elsässischen Stadt Mühlhausen: Der deutsche Arzt Dieter Krombach ist in der Nacht auf Sonntag Opfer einer ungewöhnlichen Entführungsaktion geworden. Hatte ihn die französische Justiz trotz einer Verurteilung auf 15 Jahre Gefängnis bisher nicht zu fassen bekommen, so wurde er nun kurzerhand dorthin gebracht - direkt vors Gericht.

Für Gerechtigkeit tat Bamberski (M.) alles, was in seiner Macht stand. Foto: afp

Für Gerechtigkeit tat Bamberski (M.) alles, was in seiner Macht stand. Foto: afp

Der Kardiologe steht im Verdacht, mitschuldig am Tod seiner Stieftochter Kalinka im Jahr 1982 zu sein. Ihr leiblicher Vater, der Franzose André Bamberski, kämpft seit Jahren um die Auslieferung Krombachs, die Deutschland bisher verweigerte. Schnell fiel der Verdacht auf ihn, hinter der rabiaten Aktion zu stehen. Jetzt befindet sich nicht nur der 74-jährige Mediziner in Polizeigewahrsam, sondern auch Bamberski.

Er rollt damit erneut eine mysteriöse Geschichte auf, die mehr ist als ein Justizstreit zwischen Deutschland und Frankreich. Es ist die Geschichte des Dieter Krombach und der ungeklärten Frage, welche Rolle er beim Tod der 14-jährigen Kalinka gespielt hat. Und nicht zuletzt ist es die Geschichte ihres Vaters, der die Wahrheit zu kennen glaubt und seit 27 Jahren darauf wartet, dass die von ihm beklagte Gewalttat gesühnt wird.


Diese Geschichte beginnt im Jahr 1982, als die Jugendliche tot in ihrem Bett in Krombachs Haus in Lindau aufgefunden wurde. Gemeinsam mit ihrem Bruder hatte sie dort ihre Mutter und deren neuen Ehemann besucht. Der Körper der jungen Französin wies zahlreiche Einstiche auf. Wegen ihrer Blutarmut habe er ihr Eisenpräparate gespritzt, sagte ihr Stiefvater. Das Mädchen sei an einem Sonnenstich oder den Folgen eines Unfalls gestorben. Die Polizei glaubte ihm. Anders ihr leiblicher Vater: André Bamberski wirft Krombach vor, er habe das Kind betäuben und dann vergewaltigen wollen. Er sei schuld an Kalinkas Tod.

Wegen Mordes verurteilt

In dieser Überzeugung gab ihm ein Pariser Strafgericht im Jahr 1995 Recht. Es sah es als erwiesen an, dass Krombach seiner Stieftochter eine Spritze mit tödlicher Wirkung verabreicht habe und verurteilte ihn zur Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis. Allerdings in Abwesenheit des Mannes. Er lebte weiterhin in Deutschland, wo das Urteil nicht anerkannt wurde: Die Todesursache lasse sich nicht eindeutig feststellen.

Auch die Behörden in Österreich kamen Frankreichs Auslieferungsantrag nicht nach, nachdem Zollbeamte den Mann im Jahr 2000 in Vorarlberg festgenommen hatten.

Im Jahr 2001 befand der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, es habe bei dem Prozess keine faire Anhörung gegeben. Die Richter verurteilen Frankreich zu einer Entschädigungszahlung von 100.000 Franc (umgerechnet rund 16.000 Euro).

"Kampf seines Lebens"

Doch seine weiße Weste hat der gebürtige Dresdner Krombach 1997 verloren, als ihn das Landgericht Kempten für schuldig befand, eine 16-jährige Patientin narkotisiert und sexuell missbraucht zu haben. Er bekam zwei Jahre auf Bewährung und verlor seine Zulassung als Arzt. Da er seinen Beruf aber illegal weiter ausübte, verurteilte ihn das Landgericht Coburg im Jahr 2007 wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und vier Monaten.

Für den Rentner André Bamberski, der im südfranzösischen Toulouse lebt, musste das wie die Bestätigung seines Verdachts klingen. "Es ist der Kampf seines Lebens. Er widmet ihm alle seine Zeit, seine Energie, sein Geld", sagt Bamberskis Freund Robert Pince, der der Vereinigung "Gerechtigkeit für Kalinka" vorsteht. Sie klagt an, Kalinkas Autopsie-Bericht sei voller Lücken.

"Geht um Gerechtigkeit"

Erst im Juli hatte Bamberski Berufung gegen die Einstellung des Verfahrens eingelegt. Es gehe seinem Freund gar nicht um Rache, sondern nur noch um Gerechtigkeit, sagt Pince. "André Bamberski ist ein sehr frommer Mann." Trotzdem hat er am Dienstagabend gestanden, die Entführung in Auftrag gegeben und 20.000 Euro dafür bezahlt zu haben. Prügel habe er aber keine angeordnet, versicherte er.

Nun fürchtet er, Krombach werde wieder nach Deutschland gebracht und komme trotz allem ohne Strafe davon. Ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Paris sagte hingegen, der Mediziner werde heute den Richtern vorgeführt, die über sein weiteres Schicksal entscheiden. Möglicherweise werde er dann nach Paris gebracht, wo ein neuer Prozess gegen ihn warten könnte.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-10-21 17:37:19
Letzte Änderung am 2009-10-21 17:37:00

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