• vom 23.10.2009, 13:55 Uhr

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Update: 27.10.2009, 17:13 Uhr

Kultur

Suche nach dem idealen Klang




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Von Peter Bernthaler

  • Der moderne Konzertflügel ist ein musikalisches Präzisionsinstrument, an dem sich - nach Meinung der Experten - kaum noch etwas verbessern lässt.
  • "O Freunde, nicht diese Töne!" - Diese Worte setzte Beethoven Schillers Ode voran und ließ sie im 4. Satz seiner neunten Symphonie Klang werden.

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Sie gelten aber auch für Beethovens Kampf als Klaviervirtuose und Komponist gegen die Unzulänglichkeiten damaliger Tasteninstrumente. Heutige Konzertflügel stellen allerdings einen (nur mehr in Nuancen weiter entwickelbaren) Höhepunkt der Klavierbaukunst dar. "Brillanz" als Charakteristikum großer Instrumente steht dabei genauso im Vordergrund wie die Fähigkeit, eine breite Palette von Klangfarben zu ermöglichen.


Versuch einer Annäherung an das Thema Klavier-Klang in Episoden: unter Mitwirkung von Rudolf Buchbinder, Pianist, heimisch in Wien und auf den Konzertbühnen weltweit, sowie Andreas Orasch, Klavierbauer und -techniker in Graz.

Klavierbauer Andreas Orasch. Foto: Bernthaler

Klavierbauer Andreas Orasch. Foto: Bernthaler Klavierbauer Andreas Orasch. Foto: Bernthaler

Steinway als Standard

Klangfarbe und Klangideal von Klavieren, insbesondere von Konzertflügeln als dem Nonplusultra des Klavierbaus, bilden - wie jedes subjektiver Wahrnehmung unterworfene Gebiet - ein komplexes Diskussionfeld: Meinungen spiegeln persönliche Empfindungen zu Vor- und Nachteilen der Instrumente wider. Bestimmte klangliche oder auch technische Eigenschaften von Bösendorfer, Steinway, Fazioli, Yamaha & Co. werden von den einen ob ihrer Charakteristik hoch geschätzt, von anderen wegen qualitativer Unzulänglichkeit abgelehnt.

Der internationale Konzertbetrieb kommt heute mit einer Handvoll von Klavier-Marken aus. Das Musik- und Konzertleben der letzten Jahrzehnte hat die Diskussion, welchen Instrumenten der Vorzug zu geben sei, sehr eingeengt. Man könnte auch sagen: hat diese Diskussion bereits entschieden - ob im Sinne klanglicher Vielfalt zum Guten oder nicht, sei dahingestellt. Viele Produzenten existierten nicht mehr. Bösendorfer lebt und ficht tapfer weiter, gewappnet mit Tradition und Innovation (und eingegliedert in den mächtigen Yamaha-Konzern, dessen Flügel im Konzertleben der USA sehr präsent sind).

Den Standard, zumindest auf europäischen Konzert-Podien, hat Steinway & Sons aus Hamburg, Modell D, 275 cm, geprägt. Erstaunlicherweise konnte mit dem italienischen Klavierbauer Paolo Fazioli seit Mitte der 1980er Jahre ein neuer Produzent im Luxussegment der Konzertflügel erfolgreich Fuß fassen.

Zeitgemäßes Klavier-Design: Der "Audi"-Flügel von Bösendorfer. Foto: Bösendorfer

Zeitgemäßes Klavier-Design: Der "Audi"-Flügel von Bösendorfer. Foto: Bösendorfer Zeitgemäßes Klavier-Design: Der "Audi"-Flügel von Bösendorfer. Foto: Bösendorfer

Das liegt nicht nur daran, dass sich die Fazioli-Konstruktion etwa "bei der selbsttragenden Bauweise des Korpus mit seinen sehr dicken Wänden an Steinway orientiert" (Andreas Orasch), sondern wohl auch am Klang.

Klang-Elemente

Bleiben wir bei Steinway und suchen wir eine Definition der Klang-Maxime: Ein kraftvoller, obertonreicher, farbiger und tragender Ton, der sich als Soloinstrument in großen Konzertsälen, aber auch im Zusammenspiel mit Orchestern jederzeit durchsetzen kann. Wichtig dabei ist die dynamische Bandbreite des Klanges, um ein klares Pianissimo und voluminöses Fortissimo zu erzielen. Wozu im Lauf der Zeit technisch viel getan wurde: 1936: Patent auf einen weiterentwickelten Resonanzboden, der quasi als Membran die Schwingungsfähigkeit deutlich erhöht. Tonlänge, Dynamik und Volumen wurden dadurch verbessert. 1872: Patent auf Duplex-Skalen, jene Metallstäbe, die zwischen Resonanzbodensteg und der Saitenaufhängung der Gussplatte installiert sind, wodurch diese (normal abgedämpften) Saitenteile in ein bestimmtes Längenverhältnis zur eigentlich klingenden Länge der Hauptsaite gesetzt sind und harmonisch mitschwingen. So entstehen Obertöne, die den Gesamtklang anreichern und brillanter gestalten.

Im Lauf der Zeit hat man verschiedene Holzarten für die Hammerköpfe eingesetzt, Mahagoni wird heute nicht mehr verwendet. Jede Holzart hat durch Dichte, Gewicht und Härte Einfluss auf den Klang - im Zusammenspiel mit vielen anderen Aspekten der Instrumente wie Saiten oder Konstruktion. Flügel innerhalb der Modellreihen werden durch produktionstechnische Standards einander sehr ähnlich. Beim Intonieren der Hammerköpfe kann ein individueller Klang herausgearbeitet werden, denn "es soll nicht jeder Flügel gleich klingen, da Erwartungen und Geschmäcker der Kunden unterschiedlich sind". Eine eigene Abteilung für Klangentwicklung gibt es bei Steinway nicht, weil seit Jahrzehnten keine Veränderungen vorgenommen wurden.

"Die klangliche Entwicklung bei den Instrumenten" - sagt Experte Orasch - "ist in erster Linie das Ergebnis von besserer Material-Qualität sowie Verarbeitung, allein das Saitenmaterial ist heute wesentlich präziser. Die Qualität der Hammerfilze beginnt streng wissenschaftlich betrachtet im Grunde bereits bei der Fütterung der Tiere, wobei die Wolle dann gebleicht und dadurch wieder spröde wird. In Summe sind viele produktionstechnische Fortschritte ganz wichtige Faktoren, die in den letzten Jahrzehnten den Klang entscheidend weiterentwickelt haben. Bei Steinway ist vom Grundgedanken her - und das geht bis in die letzte Schraube - alles steif und hart. Die Wand eines Steinway ist dreimal so dick wie von einem Bösendorfer!"

Orasch hat in Graz für Pianisten wie Martha Argerich, Maria João Pires, Friedrich Gulda, Arturo Benedetti Michelangeli oder Alfred Brendel die Konzert-Instrumente technisch betreut und gestimmt. Für den Klang relativ unwesentlich ist seiner Ansicht nach der Lack eines Klaviers.

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Schlagwörter

Kultur, Akkustik, Musik, Kunst

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-10-23 13:55:00
Letzte Änderung am 2009-10-27 17:13:00


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