• vom 22.10.2009, 16:45 Uhr

Archiv

Update: 22.10.2009, 16:49 Uhr

"Pergola" aus Stahlrohren erwies sich als unnötig und störend

Traum und Wirklichkeit am Wiener Praterstern




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Hans Haider Hans Haider

  • Wie weit darf gebaute Realität von den Schmeichelvisionen der Architekten abweichen? Warum lassen sich Bürgervertreter in den Rathäusern durch schöngefärbte Trugbilder täuschen und geben ihnen ihre Stimmen? Oder wuchern Komplizenschaften, die letztlich auf eine Täuschung der Bürger hinauslaufen, nach den Mottos "Friss Vogel, oder stirb" und "Frag nicht, zahl!"?

Vorplatz vor dem Bahnhof Praterstern als Architektenvision. Foto: Atelier Podrecca

Vorplatz vor dem Bahnhof Praterstern als Architektenvision. Foto: Atelier Podrecca

Nach dem Schwarzenbergplatz ist wiederum eine Großbaustelle im Wiener öffentlichen Raum den Bauherrn, Bauämtern und Architekten aus dem Ruder gelaufen: der Praterstern.


Hinter dem Rücken von Admiral Tegetthoff

Obwohl dort ein Held aus Kaisers Kriegsmarine auf seiner Säule Wache steht. Hinter dem Rücken von

Admiral Tegetthoff schlugen Eisen- und Straßenbahner ihre altbekannten Schlachten um die Verteidigung und Erweiterung ihrer Einflusssphären. Dieser

unseligen Konkurrenz ist anzulasten, dass keine U-Bahn-Linie zum Flughafen Schwechat existiert und der künftige Wiener Hauptbahnhof zu weit entfernt von der nächsten U-Bahn-Station gebaut wird. Am Praterstern gab es Planungs- und Bauaufträge zu verteilen sowie vermietbare Geschäftsflächen und Facility Managements. Zuletzt brachten die ÖBB und die Wiener Linien, beide ein Staat im Staat, an den Fassaden ihre Logos zum Leuchten, das eine blau, das andere rot. Doch die Leuchtschrift "Bahnhof Prater stern" sucht man dort vergebens.

Bahnhof-Vorplatz mit der gegen Bürgerproteste durchgezogenen "Pergola". Foto: Hans Haider

Bahnhof-Vorplatz mit der gegen Bürgerproteste durchgezogenen "Pergola". Foto: Hans Haider Bahnhof-Vorplatz mit der gegen Bürgerproteste durchgezogenen "Pergola". Foto: Hans Haider

Seit Sommer 2008 begleitet ein Stahlstangengerüst den cityseitigen Straßenbogen. Rasend unelegant hinterläuft es das Denkmal mit einem Gewirr von Stützen und Querträgern. Dahinter wurden kleinere Stahlgerüste aufgerichtet, an denen sich Grünpflanzen hochranken sollen. Die nächsten Fronten von Stehern tragen den stählernen Unterbau eines überdimensionierten Flachdachs. Alles zusammen: eine Mustermesse des heimischen Stahlbaus, auf der jeder Anbieter des anderen optischer Feind ist! Bereits fünf verschiedene Typen von Freiluftlampen und -leuchten sind montiert. 2010 kommt noch ein Brunnen mit Wasserspielen dazu.

Vorplatz vor dem Bahnhof Praterstern als Architektenvision. Foto: Atelier Podrecca

Vorplatz vor dem Bahnhof Praterstern als Architektenvision. Foto: Atelier Podrecca Vorplatz vor dem Bahnhof Praterstern als Architektenvision. Foto: Atelier Podrecca

"Pergola" nennt der Vorplatzgestalter Boris Podrecca das gegen Proteste von Bürgern und Bezirkspolitikern aller Couleur gebaute Gerüst um den westlichen Platzbogen. Es ließe sich schon morgen mühelos abschrauben. Der Architekt wäre wohl froh, verschwände diese Fehlleistung auf einem Schrottplatz. Er hat was Anderes gewollt.

Was jetzt wie die Trasse einer Hochschaubahn im Wurstelprater ausschaut, war als Rand eines filigranen Dachs gedacht, das den ganzen Platz überspannen sollte. Doch so luftig-leicht, wie er es gemalt hatte, ließ es sich technisch nicht realisieren. Auf die Stützen am Rand wollte er nicht verzichten. Sie stehen nicht ganz sinnlos da: Sie erhöhten die Bausumme und damit das Architektenhonorar.

Von sechs auf vier Straßenbahngleise

Nicht alles, was am Prater stern schieflief, geht auf Podreccas Konto. Der private Security-Dienst der Eisenbahn bekam ein ordentliches Wachlokal im Bahnhofsgebäude. Die Polizei baute auf dem Vorplatz einen eigenen Stützpunkt in einem Design, das sich Purkersdorf nicht gefallen ließe. Auch der alte U1-Abgang am Vorplatz mit einem Jahrzehnte alten Design blieb mit seinen abgerundeten Kanten fremd neben dem scharf geschnittenen ÖBB-Bahnhof, den der Architekt Albert Wimmer schon 2008 fertigstellte.

Die Wiener Linien verlangten anfangs sechs Geleise für die Straßenbahnen O (wie Otto) und 5. Darum wurde raumgreifend bis ans Denkmal geplant. Danach beschieden sie sich mit vier - die samt Umkehrschleifen mit weniger Platzraum auskämen und das Denkmal nicht so ins Eck gedrängt hätten. Den Straßenbahnern fehlt es an Respektsabstand. Zurzeit legen die Wiener Linien auch um das Parlament herum einen Schienenstrang. Die Republik kam seit 1945 ohne solche Notvorkehrungen gegen Demonstrationen am Ring aus. Warum der Eifer jetzt?

Sushi zum Abfahren auf der Südfront

Das Ladenschild "Running Sushi" dominiert die Südfront des Bahnhofs. Sushi zum Abfahren. Die Bahnhofsuhr an der Nordwand kann niemand sehen, der vor dem Bahnhof steht, weil das Vordach sie verdeckt. Man müsste schon so hoch stehen wie Admiral Tegetthoff. Doch der blickt selbstbewusst Richtung Stephansdom und Hofburg.

Noch fehlen am Prater stern einige Pflastersteine und Kletterpflanzen. An seinem Nordrand ist ein Hochhaus im Bau. Es wird den 200 Jahre alten Straßenstern weiter einengen, ihm Luft nehmen. Nirgendwo seither gelang in Wien das Meisterstück, dass sieben Straßen, sieben Sichtachsen aufeinander zulaufen.

Mit der Sprengung des kriegsbeschädigten Nordbahnhofs im Jahr 1965 begann die Demontage des wienerischen "Etoile" unter der Regie der Eisenbahner. Ihre Grundstücks-Verwertungswünsche am Praterstern ließen sich bis heute nicht von einer sensiblen städtebaulichen Planung entschärfen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-10-22 16:45:28
Letzte Änderung am 2009-10-22 16:49:00

Werbung




Werbung