• vom 16.10.2009, 14:34 Uhr

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Update: 30.09.2016, 20:22 Uhr

Film

Verspielt, genial und dämonisch




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Von Friedrich Weissensteiner

  • Er war ein vielseitiger Künstler mit zwanghaftem Spieltrieb - Vor 50 Jahren starb der berühmte Schauspieler Werner Krauß.

 In seinem Buch "Das Wiener Burgtheater" (1975) bezeichnet Ernst Haeusserman, von 1959 bis 1968 erfolgreicher Direktor dieses geschichtsträchtigen Hauses an der Wiener Ringstraße, Werner Krauß als den "wahrscheinlich größten deutschsprachigen Schauspieler unserer Zeit."

Und er zählt etliche Rollen auf, die Krauß an der Burg spielte, und er erzählt ein paar Anekdoten über den großen Mimen, den man seiner zeitweiligen Schrullen wegen als einen Vorgänger Helmut Qualtingers bezeichnen könnte. Krauß habe, bevor er den Mephisto spielte, monatelang Einlagen in einem Schuh getragen, um sich so an das Hinken auf der Bühne zu gewöhnen; einmal sei er als Julius Caesar verkleidet über die Ringstraße gegangen, kurz bevor er die Rolle an der Burg spielte. Und nach einem Heurigenbesuch habe er beim Nachhausekommen irrtümlich statt der Nachttischlampe die Höhensonne aufgedreht und sich schwere Verbrennungen zugezogen. So Ernst Haeusserman.

Information

Friedrich Weissensteiner war Direktor eines Wiener Bundesgymnasiums und ist Autor zahlreicher historischer Bücher.

"Ab durch die Mitte"

Werner Krauß berauschte mit seiner genialen, dämonischen Schauspielkunst nicht nur die Zuschauer, er war oft auch selbst berauscht. Auf der Bühne war er immer wieder zu Späßen und Neckereien aufgelegt. "Mit ihm auf der Bühne zu stehen hieß, auf alles - alles! - gefasst zu sein", schreibt Heinz Rühmann in seinen Lebenserinnerungen. "Ich hab´ es am eigenen Leib bei den Lustigen Weibern´ erlebt. Eines Abends - es war eine Aufführung wie jede andere - erschien Krauß in einer Szene, in der er gar nichts zu suchen hatte, klopfte mir auf die Schulter und extemporierte im besten Shakespeare-Sprachrhythmus: He, Junker Schmächtig, auf ein Wort, wo geht´s zur nächsten Schenke? Für Sekunden war ich völlig verdattert, doch dann sah ich seine listigen Äuglein blitzen und wies irgendwohin in Richtung Kulissen. Geht dort hinein, doch schnell, Ihr stört! Dabei hatte ich noch genug Geistesgegenwart, so zu tun, als nestelte ich ein Geldstück aus meinem Wams, das ich ihm in die Hand drückte. Kichernd verschwand Krauß. Ab durch die Mitte."

Das Schlimme aber sei gewesen, so Rühmann, dass Krauß nun jeden Abend erschien - so viel Spaß bereitete ihm die Einlage. Das Ganze ereignete sich übrigens am Berliner Deutschen Theater. Mit dabei unter der Regie von Heinz Hilpert waren unter anderen Ida Wüst, Marianne Hoppe und Gustaf Gründgens.

Für einen Ulk, eine handfeste Schelmerei war Werner Krauß stets zu haben. Er hatte eine lebhafte Phantasie, und ihm fiel oft Ungewöhnliches ein. Die Komödiantik war ein Teil seiner Persönlichkeit und seiner Schauspielkunst. Wer denkt in diesem Zusammenhang nicht an jene Rollen, die er mit kauziger Tiefgründigkeit und unheimlich wirkender Lächerlichkeit ausstattete, an seinen Malvolio etwa, an seinen Falstaff in den "Lustigen Weibern", vor allem aber an seinen unvergesslichen Hauptmann von Köpenick, mit dem er eine ganze Epoche, nämlich die militante und militarisierte Gesellschaftsordnung Kaiser Wilhelms II., mit einem einzigen schneidenden Befehlston, einer unnachahmlichen Körperhaltung und einer wegwerfenden Geste charakterisierte und bloßstellte.

Werner Krauß besaß eine ungeheure Suggestionskraft, er war ein Verzauberer, ein Magier, der das Publikum in seinen Bann ziehen und hypnotisieren konnte. Um einen Charakter darzustellen oder eine Situation blitzschnell zu erhellen, brauchte er einfach nur da zu sein. "Aus seinen Blicken und Bewegungen, aus Worten und Wendungen, aus plötzlichen Pausen und unerwarteten Beschleunigungen ergab sich dann auf wunderbare Weise eine so suggestive wie originelle Figur." Das schreibt einer seiner kritischen Verehrer, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, in seiner Autobiographie "Mein Leben".

Genie der Verwandlung

Das Rollenrepertoire von Werner Krauß war von beeindruckender Vielfalt. Es reichte von Shakespeare über Goethe, Schiller und Grillparzer bis Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann, Bernard Shaw, Georg Kaiser und Ferdinand Bruckner. Er spielte mit praller Vitalität, stupender Verwandlungsfähigkeit, glühender Eindringlichkeit und subtiler Genauigkeit, mit ausladenden oder sparsamen Gesten und einer breiten Skala an Ausdruckskraft, gedämpft, wild aufbrausend, dämonisch, verschlagen, hochmütig und liebenswürdig den Jago, Shylock, Hamlet und König Lear, Faust und Mephisto, Wallenstein, Wilhelm Tell und Kaiser Rudolf den Zweiten, Ibsens John Gabriel Borkmann, den Geheimrat Clausen in Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang", Shaws Julius Caesar und Professor Higgins. Und er erfüllte alle diese Figuren mit seiner schier unerschöpflichen Phantasie.

Werner Krauß, der am 23. Juni 1884 in Gestungshausen bei Coburg zur Welt kam, war der Sohn eines Postbeamten, der in jungen Jahren in einer Nervenheilanstalt verstarb. Über die Beziehung zu seinen Eltern, die lieblos, und über seine Kindheit, die karg gewesen zu sein scheint, verliert er in seiner Autobiographie "Das Schauspiel meines Lebens", wofür Carl Zuckmayer die Einleitung schrieb, kein einziges Wort. Der Bub besuchte die Grundschule und danach auf Wunsch seines Großvaters mütterlicherseits, der sich um seine Erziehung kümmerte, eine Präparandenanstalt in Breslau. Der begabte Enkel sollte Lehrer werden. Aber daraus wurde nichts. Einer seiner Schulkollegen, der am Breslauer Lobe-Theater als Statist tätig war, nahm ihn zu einer Aufführung mit und wurde so unbeabsichtigt zum Geburtshelfer einer großen Schauspielerkarriere. Denn ab diesem Zeitpunkt ließ das Theater Werner Krauß nicht mehr los. Eine dämonische Kraft in seinem Inneren trieb ihn auf die Bühne. Er hatte seine Lebensaufgabe gefunden.


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Schlagwörter

Film, Theater, Werner Krauß

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-10-16 14:34:03
Letzte Änderung am 2016-09-30 20:22:05


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