• vom 10.09.2009, 17:16 Uhr

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Update: 10.09.2009, 20:55 Uhr

Der Wiener Südbahnhof ist ab dem 13. Dezember geschlossen - ein Abschiedsbesuch zahlt sich aus

Variationen in Stein




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Von Hans Haider

  • Der Wiener Südbahnhof wird im kommenden Winter weggeräumt. Österreichs größtes Verkehrsgebäude, ein Kraftakt des Wiederaufbaus nach dem Weltkrieg, muss der Baustelle "Neuer Hauptbahnhof" weichen.

Kraftakt des Wiederaufbaus: Der Südbahnhof. Foto: Haider

Kraftakt des Wiederaufbaus: Der Südbahnhof. Foto: Haider Kraftakt des Wiederaufbaus: Der Südbahnhof. Foto: Haider

Ein Baudenkmal? Der jetzige Zustand, nach vielen Ein- und Umbauten, machte es leicht, dieses Epochenfossil vom Denkmalschutz auszunehmen. Doch sind erst die letzten Werbetafeln, Bäckerläden und Bankenfoyers abmontiert, wird der Südbahnhof sein nüchternes altes Gesicht zeigen. Während der Räumung, die schon angefangen hat, sind verblüffende Raumwirkungen sowie Qualitäten der Ausstattung in Stein, Beton, Glas und Stahl zu entdecken. Bis zum 13. Dezember 2009, wenn mit dem neuen Winterfahrplan die Züge nur mehr bis Meidling fahren.


1950 beschlossen die Bundesbahnen, den trotz der Bombentreffer weithin funktionsfähigen Südbahnhof durch einen Neubau zu ersetzen, in dem auch der nicht mehr rettbare Ostbahnhof aufgehen sollte. Rudolf Maculan und Kurt Walder gewannen 1951 einen Ideenwettbewerb. Die ÖBB hatten in ihrer Bauabteilung einen Plan von Zentralinspektor Heinrich Hrdlicka vorbereitet. Die drei Herren wurden zu einem Team zusammengespannt. Im selben Jahr 1961, als der Bahnhof fertig war, wurde in der Opernpassage der erste öffentliche Münzfernsprecher aufgestellt. Im Jänner 1962 wurde mit einem Festakt im Südbahnhof die neue "Wiener Schnellbahn" (heute S-Bahn) eröffnet.

Egal, von welcher Seite man sich nähert: Der Südbahnhof verbirgt seine wahren Ausmaße. Dennoch wurde das Volumen der großen Halle in den 50er Jahren als großmannssüchtig kritisiert. Anders als der Westbahnhof, wendet die große Halle ihre Schmalseite den Hineingehenden zu. Wer durch das Mitteltor tritt, findet im Steinterrazzo der Bodenplatten mit Pfeilen den geraden Weg zu den Zügen vorgezeichnet. So als gäbe es kein Zurück. Denn die ankommenden Reisenden werden aus der obersten Ebene (Südbahn) und der mittleren Ebene (Ostbahn) über breite Treppen direkt ins Freie zu den Straßenbahnstationen und Taxis abgeleitet.

Rarer Marmor

Ein umlaufendes Vordach dämpft das Höherstreben der Fassaden. Fünf Betonsäulen, die dieses Dach an der Westfront stützen, verjüngen sich von einem Oval oben zu einem Kreis unten - ein reizvolles Lebenszeichen der von imperialer Monumentalität und Heimatstil befreiten Moderne. Den mächtigen Kubus der Abfahrtshalle zähmen außen die Linienraster der Stoßfugen zwischen den Natursteinplatten an den Seitenmauern und in der Fensterfront an der Nordseite. Innen nehmen die feinrastrige Lichtdecke und ein Lichtband aus Glasziegeln dem Dach optisches Gewicht.

Der Südbahnhof wäre so dumpf wie eine Schuhschachtel ohne seine ausgeklügelte Mauerverkleidung aus verschiedenem Stein in den unterschiedlichsten Mustern. Der fleischrote "Engelsberger Marmor" ist im Halleninneren poliert und an den Außenmauersockeln, bis hin zum Postamt, matt kanelliert. Eine Rarität! Denn der Steinbruch bei Muthmannsdorf am Fuß der Hohen Wand ist aufgegeben. Beim Neubau des Linzer Hauptbahnhofs verflüchtigten sich die Marmorplatten des Altbaus rasch unter der Hand. Wäre eine Nachnutzung des Südbahnhof-Marmors kein Thema für einen Ideenwettbewerb unter Architekten?

Erstklassiges Design

Metall und Glas haben im Fassadenbau den Stein verdrängt. Der Südbahnhof ist ein Kompendium der alten Steintechniken und -wirkungen - vom 15-mal-15-Zentimeter-Würfel aus alpiner Brekzie in der Einfahrt in die Stückguthalle bis zum feinen schwarzen Pyrenäenkalk im Postamt.

Wo der Reisende verkehrt, ist das Material edler: Glasmosaik, Glasziegel, verchromter Stahl. Erstklassig designt und gefertigt sind die Schwingtüren. Ihre Handgriffe: museumswürdig. Beim Umbau des Restaurants 1994 gingen viele verloren. (In der Ausstellung von Margherita Spiluttini im Rupertinum Salzburg ist bis 4. Oktober ein älteres Foto zu sehen.)

Spurlos verschwinden mit dem Südbahnhof Erinnerungspunkte. In der ebenerdigen Flanierzone suchten zugewanderte (und aus den Kriegsgebieten geflohene) Kroaten, Serben, Bosniaken nach bekannten Gesichtern. Der Südbahnhof war der erste und lange einzige "Transit Point" für Sowjetjuden im Westen. Vom Chopin-Express wurden seit 1965 Hunderttausende von den Helfern des Jewish Joint, der Hebrew Immigrant Aid Society oder Tolstoy Foundation abgeholt; seit einem Attentat in Hohenau 1973 unter schwerem Polizeischutz. Im künftigen Durchgangsbahnhof bildet sich das neue Europa ab: Wien ist nicht mehr Kopfstation, dead-end railway track. Die Mieter müssen die Halle bis 15. Dezember räumen. Ihrer Kommerzmöbelage wird man in Wien-Hauptbahnhof in geordneten Bahnen wiederbegegnen. "Bahnhof Neu" heißt: Ladenstraßen mit einigen Gleisen nebenbei, und Fahrkartenautomaten statt Schaltergalerien.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-09-10 17:16:45
Letzte Änderung am 2009-09-10 20:55:00

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