• vom 04.09.2009, 14:34 Uhr

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Update: 04.09.2009, 14:44 Uhr

Geschichte

Die Mühen des Systemwechsels




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Von Engelbert Washietl

  • Vom Volksaufstand 1956 bis zur Öffnung der Grenzen 1989 war die Geschichte Ungarns von der Spannung zwischen Reformwillen und kommunistischer Orthodoxie geprägt.
  • Vielleicht gibt es eine historische Gerechtigkeit, die die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes von 1956 zwar nicht gut macht, aber mehr als drei Jahrzehnte danach aus dem blutigen Geschehen heilsame Kräfte ableitete.

Ungarn - hier ein Blick auf das Parlament in Budapest - war im Jahr 1989 ein Scharnier der politischen Wende in Ost- und Mitteleuropa. Foto: Bilderbox

Ungarn - hier ein Blick auf das Parlament in Budapest - war im Jahr 1989 ein Scharnier der politischen Wende in Ost- und Mitteleuropa. Foto: Bilderbox

János Kádár hatte sich als der unbarmherzige Exekutor der Tragödie von 1956 zwar nie zu einem Reformer und Antreiber gewandelt. Dennoch passte er bis zu seinem Tod am 6. Juli 1989 sogar ins Bild mancher politischen Neuerungen. Bereits 1983 hatte er dem aus Moskau angereisten Michail Gorbatschow, der damals noch ZK-Sekretär war, über die Ereignisse von 1956 gesagt, dass man "auf keinen Fall noch einmal etwas Ähnliches zulassen" dürfe.


Kádárs Zwiespalt

Das schildert Gorbatschow in seinen "Erinnerungen", wobei die Ambivalenz des Statements ins Auge springt. Entweder meinte Kádár, eine Gewaltaktion wie die Niederwerfung eines Volkes mit Panzerarmeen aus "befreundeten" sozialistischen Ländern dürfe nicht mehr möglich sein - oder aber, man dürfe es nie soweit kommen lassen, dass eine solche nötig wäre. Kádár, Vorsitzender der ungarischen kommunistischen Partei USAP von 1956 bis 1968, wäre jedenfalls für beide Versionen als Auskunftsperson zur Verfügung gestanden.

Märtyrer Imre Nagy. Foto: apa

Märtyrer Imre Nagy. Foto: apa Märtyrer Imre Nagy. Foto: apa

Die Jahre von 1956 bis 1989 ergeben für Ungarn einen verwirrenden Spannungsbogen. Bis heute ist die Republik nicht in der Lage, einvernehmlich und zukunftsgewandt der Revolution zu gedenken. Der Märtyrer Imre Nagy, Lichtgestalt aller Hoffnungen von 1956, war bereits 1953 als Ministerpräsident eingesetzt worden. Aber sein Reformkurs biss sich zunächst am autoritären stalinistischen Parteichef Mátyás Rákosi fest. 1955 wurde Nagy abgehalftert, aus der Partei ausgeschlossen und entehrt.

Ungarn - hier ein Blick auf das Parlament in Budapest - war im Jahr 1989 ein Scharnier der politischen Wende in Ost- und Mitteleuropa. Foto: Bilderbox

Ungarn - hier ein Blick auf das Parlament in Budapest - war im Jahr 1989 ein Scharnier der politischen Wende in Ost- und Mitteleuropa. Foto: Bilderbox Ungarn - hier ein Blick auf das Parlament in Budapest - war im Jahr 1989 ein Scharnier der politischen Wende in Ost- und Mitteleuropa. Foto: Bilderbox

Das Vor und Zurück der Ideologien spielte im sozialistischen Lager Osteuropas aber manchmal verrückt. Kaum war Nagy entmachtet, hielt der sowjetische KP-Chef Nikita Chruschtschow im Februar 1956 seine berühmte Geheimrede, in der er die stalinistischen Exzesse verurteilte. Nicht nur die Polen, auch die Ungarn horchten auf. Budapester Studenten agitierten, die Volksmassen liefen am 23. Oktober 1956 zusammen, der Staatssicherheitsdienst ÁVH schoss scharf. Andererseits holte das Zentralkomitee zur Beruhigung der Lage Imre Nagy aus der Versenkung.

Was der sowjetische Botschafter in Budapest, Juri Andropow - später wurde er KGB-Chef und KP-Generalsekretär - nach Moskau berichtete, genügte allerdings, dass gleichzeitig eine Militäraktion zur Unterdrückung der Revolte vorbereitet wurde. János Kádár, der frühere Innenminister Ungarns, wurde als williges Werkzeug auserwählt. Er sandte den "Hilferuf" an Moskau, nachdem alles schon abgekartet war. Anfang November fuhren die Panzer der Roten Armee auf, mit 2500 wird die Zahl der Toten angegeben, rund 200.000 Ungarn setzten sich Richtung Österreich und bald danach ins fernere Ausland ab. Imre Nagy wurde nach Rumänien verschleppt und 1958 nach einem Schauprozess hingerichtet.

Das Blutgericht

János Kádár ließ ein Blutgericht über die Aufständischen - die wirklichen und vermeintlichen - niedergehen. Er zwang Ungarn auf einen absolut moskauhörigen Kurs, in den erst in späteren Jahren seiner Herrschaft Elemente innerer Freiheit eingebaut wurden. Es begann mit frei verkäuflichem Gemüse und Obst, entwickelte sich zur Preisfreigabe vieler Produkte und zu einem verstärkten Handel mit westeuropäischen Partnern, insbesondere Deutschland. In den Tourismus kam Bewegung, viele Ungarn durften weit früher als ihre Verbündeten in den Westen ausreisen, mit Österreich wurde sogar die Visumpflicht aufgehoben. Dieser Wirtschaftskurs erleichterte den Alltag, hatte aber schwerwiegende Folgen - Ungarn verschuldete sich in alle Richtungen. Kádár holte sich Kredite in Moskau, in Deutschland, in Japan. Die internationale Ölkrise tat das ihrige, um Ungarn an den Rand des Bankrotts zu treiben.

Ein Schlagwort kam in Umlauf, das angeblich von Chruschtschow geprägt worden ist: Gulaschkommunismus. Der sowjetische Parteichef wollte damit auf die wirtschaftlichen Fortschritte in Ungarn hinweisen. Mit "Kádárismus" wird das seltsame Gebilde aus totalitärem Anspruch und schrittweisen Lockerungen umschrieben. Gorbatschow hat diesen Kurs später als hilfreich für seine Perestroika-Politik betrachtet. "Kádár war es zu verdanken, dass man in Ungarn früher als in anderen Ländern versuchte, das sozialistische Modell zu verbessern und zu reformieren, sich nicht weiter mit dem zufrieden gab, was man aus der Sowjetunion übernommen hatte."

1987 wurde Károly Grosz Ministerpräsident - kein Reformer, obwohl Ungarn zu diesem Zeitpunkt bereits in den Reformtaumel gezogen wurde. 1988 schied Kádár aus dem Politbüro aus. Die Jahreswende 1988/89 bildete den Schnittpunkt zwischen alter und neuer Zeit, man könnte, auf den Silvestertag bezogen, fast sagen, dass die Ungarn den Rutsch in die neue politische Ära veranstalteten. In dieser wurde zunächst diskutiert, herausgefordert, experimentiert und manipuliert. Wirtschaft, Partei- und Verfassungspolitik standen im Vordergrund. Die Außenpolitik blieb verlinkt mit dem alten Netzwerk des Warschauer Paktes. Denn eines war wohl auch den ungestümen Reformern, die im Politbüromitglied Imre Pozsgay ihren Herold hatten, doch klar: Das Wohl und Wehe der Neuerungen hing vom Schicksal des Perestroika-Helden Michail Gorbatschow in Moskau ab. Er zwang die Partei auf einen neuen Kurs, aber die alten Sowjettruppen standen auch in Ungarn und hatten dort, wie man heute weiß, sogar Atomsprengköpfe gelagert.

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Schlagwörter

Geschichte, Europa, Ungarn, Politik

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-09-04 14:34:34
Letzte Änderung am 2009-09-04 14:44:00


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