• vom 20.08.2009, 17:54 Uhr

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Für das Kaufhaus Tyrol wird Innsbrucks urbane Herz-Zone, die Maria-Theresien-Straße, eine Fußgängerzone

David Chipperfield machts möglich




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Von Hans Haider

  • Wahrscheinlich weinen die Innsbrucker der Straßenbahn neben ihrer Annasäule so wenig eine Träne nach wie die Wiener dem Autoverkehr der Kärntnerstraße. In ihrer Maria-Theresien-Straße werden Künetten gegraben, Rohre verlegt. Die Straßenbahn ist für immer umgeleitet. An den Absperrungen an der Baustelle verheißen Phantasiebilder der Architekten die Umwandlung der einstigen (und einzigen) Prachtstraße in ein Garten-Café, wenigstens für die Sommerzeit.

Graz schärft in der Innenstadt sein habsburgisches-landständisches Profil. Doch Innsbruck, ebenso eine Residenzstadt, opfert dieses den Interessen aggressiver Bauträger. Ihre Shopping-Erlebniszonen wiederholen sich in hunderten Klein-städten mit demselben Warenmix und den gleichen Animationen, vom Weihnachtspunsch bis zum Sommerschlussverkauf. Die Tiroler Architektenkammer wehrte 2004 Bürgerwünsche ab, Innsbrucks Altstadt in die Unesco-Weltkulturerbe-Liste aufzunehmen. Man wolle nicht unter einer Glasglocke ersticken. Graz fährt ganz gut mit seinem Listenplatz.


An jeder Straßenseite ein Shopping Center

Generationen von DKT-Spielern ("Das Kaufmännische Talent", deutsche Version von "Monopoly") bauten auf Feld 35 Hotels - und mussten sie in Liquiditätskrisen wieder abreißen. Nun läuft in der Maria-Theresien-Straße ein ökonomisches Würfelspiel in natura ab, mit kalkuliertem Erfolg: Innsbrucks urbane Herz-Zone, auf halbem Weg zwischen Goldenem Dachl und Triumphpforte, wird zum Freiluftfoyer vor je einem Shopping Center an jeder Straßenseite umgemodelt.

An der Westseite sperrten 2002 die in Verbindung mit einem neuen Stadtamtshaus gebauten Rathausgalerien auf. Diese ansprechende multifunktionale Lösung ging aus einem Wettbewerb hervor, den Dominique Perrault gewann. Doch in sieben fetten Jahren nahm der Kleinhandel der Architektur mit immer neuen Werbeschildern und den Passage-Gehern in den Weg gestelltem Krimskrams viel von ihrem gebauten Glanz. Walter Benjamin hat noch die "Passage", die baukünstlerisch gestaltete Warenstraße Pariser Typs, als Physiognomie des bürgerlichen 19. Jahrhunderts beschrieben. Nicht erst im 21. Jahrhundert sehen Kulturpessimisten diese Physiognomie zu konturlosem Einheitsbrei zerfließen.

Peek & Cloppenburg, Saturn, H & M, Marrionaud, Levis, M-Preis, G-Star, Telekom und Andere: Sie scharren in den Startlöchern. Im März 2010 soll das neue Kaufhaus Tyrol aufsperren. Der Bau ist bis zur Gleichenfeier gediehen. Die Signa-Holding von René Benko und Karl Kovarik kaufte 2004 die Liegenschaft von Palmers und vergrößerte sie durch Nachbarhäuser. Der alte Kern hieß Kaufhaus Bauer & Schwarz. Im Novemberprogrom 1939 wurde Willhelm Bauer, ein Enkel des Gründers, erschlagen. Vom Innsbrucker SA-Standartenführer Johann Mathoi ist die Aufforderung überliefert, "den Juden eine Abreibung" zu erteilen. Der Neustart in den 60er Jahren unter dem Heimatschmeichlernamen "Tyrol" sollte die Vorgeschichte vergessen machen.

Mit dem Landeskonservator Ernst Caramelle an der Spitze formierte sich Widerstand gegen das für Innsbrucks Innenstadt zu groß dimensionierte Projekt. Caramelle - seit März 2009 im Ruhestand - stellte 2006 die ganze Maria-Theresien-Straße unter Ensembleschutz. Der Stadtsenat genehmigte den Abbruch der Häuser 31 bis 35. Im Tiroler Wahlkampf bekam Benkos Megastore Schützenhilfe von Alfred Gusenbauer (sein Namen fand sich später im Beirat der Signa-Holding). Die Stadt Innsbruck berief gegen den Ensembleschutz. Kulturministerin Schmied hob ihn auf, Caramelle setzte ihn wieder in Kraft und gewann Sympathie bei den Bürgern, denen die damaligen Fassaden-Entwürfe missfielen.

Terminplan: Innsbruck und Wien sind säumig

Mit einem Weltnamen aus der Architektur sicherte Signa sich einen späten Sieg. Das Berliner Büro des englischen Pritzkerpreis-Gewinners David Chipperfield zeichnete eine leicht gewellte, stark plastische Rasterfassade mit einer unruhigen Krone - mit Bezügen zur Silhouette der Nordkette und in deutlicher Verwandtschaft zu seiner schwachen Wiener Nothilfe in der Kärntnerstraße. Ohne die zugekaufte Prominenz Chipperfields wäre auch in Wien die allen Proportionen im Ensemble hohnlachende Naturstein-Fassade mit übergroßen Fenstern für das Kaufhaus Peek & Cloppenburg kaum durchsetzbar gewesen.

In Wien wie in Innsbruck hielten die Terminpläne um Jahre nicht. Erst kürzlich wechselte das Kaufhaus Tyrol den Finanzierungsmantel - Raiffeisen ging, die Hessischen Landesbank kam. Weil die Haustechnik zu spät die kühlende Wirkung des Innwassers entdeckte, musste die Maria-Theresien-Straße neuerdings aufgegraben werden. Darum lädt heuer noch kein Sessel unter Magnolienbäumen und Sonnenschirmen zum Verschnaufen auf dem Shoppingparcours ein.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-08-20 17:54:02
Letzte Änderung am 2009-08-20 17:54:00

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