• vom 24.07.2009, 14:12 Uhr

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Update: 24.07.2009, 14:30 Uhr

Film

Kinogänger als Wunderkind




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Von Christian Teissl

  • Peter Bogdanovich, Regisseur von Kultfilmen wie "Die letzte Vorstellung" und "Is was, Doc?", wird Ende Juli 70 Jahre alt.
  • Im Unterschied zu manchen Säulenheiligen der Filmregie, die Jahrzehnte damit zugebracht haben, ihr eigenes Seelenleben zu inszenieren, hat Peter Bogdanovich es vorgezogen, sich hinter seinen Figuren und deren Geschichten zu verbergen. Sein filmisches Werk kommt weitgehend ohne autobiographische Elemente aus; seine Kindheit, sein Familienhintergrund, seine (zumeist problematischen) Beziehungen zu Frauen, seine persönlichen Krisen und Katastrophen haben allenfalls indirekt, in verschlüsselter Form, Eingang in seine Arbeit gefunden, wurden von ihm aber nie zum Gegenstand eines Films gemacht.

Am 30. Juli feiert Bogdanovich seinen 70. Geburtstag. Foto: epa

Am 30. Juli feiert Bogdanovich seinen 70. Geburtstag. Foto: epa Am 30. Juli feiert Bogdanovich seinen 70. Geburtstag. Foto: epa

Seine große, bereits in jungen Jahren erwachte Leidenschaft für das Kino thematisierte er dafür mit umso größerer Ausdauer und Offenherzigkeit, und nicht wenige seiner Figuren teilen diese Leidenschaft mit ihm.


Ort der Sammlung

Das Kino ist für Bogdanovich kein Ort der Zerstreuung, sondern der Sammlung: Man sucht es auf, um dort anhand fremder Charaktere und fiktiver Schicksale wieder zu sich zu kommen. Ein Kinobesuch ist kein bloßer Zeitvertreib, denn schließlich verliert man dabei keine Zeit, sondern gewinnt sie im Übermaß. Die Aufgabe des Filmemachers ist es daher, für eine anonyme Masse von Zuschauern komprimierte, verdichtete Zeitausschnitte herzustellen - "Pieces of Time" , und bezeichnenderweise lautet so auch der Titel eines von Bogdanovichs Büchern, einer Sammlung von Filmkritiken, die er in jungen Jahren, als er noch weit davon entfernt war, selbst Regie zu führen, für diverse Zeitschriften, vor allem für den "Esquire", verfasst hat.

Nachdem er als Schauspieler bereits einige Bühnenerfahrung in Off-Broadway-Inszenierungen gesammelt hatte, begann der damals 22-Jährige für das New Yorker "Museum of Modern Art" zu arbeiten. Eine seiner ersten Aufgabe dort war es, eine Orson-Welles-Retrospektive zusammenzustellen und begleitend dazu eine kleine Monographie zu verfassen.

Es folgten ähnliche Retrospektiven und Bücher zu Hitchcock, Howard Hawks und John Ford. Durch diese publizistische Tätigkeit, die immer größere Dimensionen annahm und immer weitere Kreise zog, lernte er diese Altmeister des Hollywood-Kinos, die damals noch aktiv waren, nach und nach persönlich kennen und hatte reichlich Gelegenheit, sie bei der Arbeit zu beobachten. "I watched Hawks do El Dorado, Hitchcock do The Birds. There weren´t any film schools at that point; I learned how to direct by watching these guys", erinnert sich Bogdanovich an seine Lehrjahre. Gemeinsam mit seiner damaligen Frau Polly Platt, einer ausgebildeten Bühnenbildnerin, die seine Filmleidenschaft teilte, übersiedelte er in den sechziger Jahren nach Los Angeles und geriet dort alsbald in den Dunstkreis des legendären B-Film-Produzenten Roger Corman, der sich als Nachwuchsförderer große Verdienste erwarb. Bogdanovich assistierte Corman bei dessen Film "The Wild Angels" (1966), und bekam von diesem im Jahr darauf ein winziges Budget und zwei Drehtage mit der Horrorfilmlegende Boris Karloff zur Verfügung gestellt, um seine erste eigene Regiearbeit zu realisieren.

Das Ergebnis, der Film "Targets" ("Bewegliche Ziele"), war zwar ein kommerzieller Misserfolg, erregte aber die Aufmerksamkeit der Kritik wie auch mancher junger, innovativer Produzenten. Schon in diesem Erstlingswerk, der Geschichte eines Amokläufers, scheint das für den Regisseur so zentrale Motiv des Kinos im Kino auf. In späteren Filmen variierte er dieses Motiv und baute es, mit der Umsicht eines Filmhistorikers, weiter aus.

So inszenierte er etwa in seiner (grob unterschätzten) Burleske "Nickelodeon" von 1976 eine Uraufführung des D. W. Griffith-Streifens "The Clansman" von 1915, und fügte dieser gleichermaßen fiktiven wie historischen Szene eine der raren bekenntnishaften Sequenzen an, die sich in seinem Schaffen finden. Denn er ließ Brian Keith für einen kurzen Moment aus seiner komisch angelegten Rolle fallen und die Worte sprechen: "Vergesst sie nie, die vielen Millionen, die Filme sehen wollen! Es sind viele darunter, die nicht einmal die Sprache verstehen, was auch überflüssig ist, denn Filme haben ihre eigene Sprache, die jeder versteht, wie Musik oder Malerei. Und wenn ihr gut seid, ich meine wirklich gut, dann zeigt ihr ihnen möglicherweise etwas Besonderes, nämlich einen Ausschnitt einer bestimmten Zeit ( im Original heißt es wiederum "pieces of time"! ), der genau gefasst ist und den sie nie vergessen werden."

Viele der Zeitausschnitte, die Bogdanovich inszeniert hat, sind in Vergessenheit geraten; im allgemeinen cineastischen Bewusstsein überlebt haben lediglich drei seiner frühen Filme: die melancholische Kleinstadtballade "The Last Picture Show" (1971), die Hochgeschwindigkeitskomödie "What´s Up, Doc" (1972) mit Barbra Streisand und Ryan O´Neal, eine Hommage an die screwball comedies der dreißiger Jahre, und "Paper Moon" (1973), ein in der Zeit der Großen Depression angesiedelter road movie . Diesen drei Klassikern folgte eine lange Pechsträhne, beginnend mit der Henry-James-Verfilmung "Daisy Miller", mit Bogdanovichs damaliger Lebensgefährtin Cybill Shepherd in der Titelrolle; ein Film, der um einiges besser ist als sein Ruf, damals aber floppte. Das Wunderkind Bogdanovich war bald als Kassengift verschrien, und die Abstände zwischen seinen Filmen wurden immer größer.

Bücher statt Filme

Mit zunehmendem Alter erwies sich Bogdanovichs Vielseitigkeit jedoch als Rettung und erlaubte es ihm, auf hohem Niveau zu resignieren, zwar manches aufzugeben, aber doch nie aufzuhören. Kam er in den letzten zwanzig Jahren auch mit keiner seiner Regiearbeiten, darunter immerhin so beachtliche Filme wie "Texasville" und "The Cat´s Meow" mit Kirsten Dunst, über einen Achtungserfolg hinaus, so machte er doch anderweitig von sich reden: durch Bücher wie "This is Orson Welles" (dt.: "Hier spricht Orson Welles") , eine originelle Collage aus Gesprächen und Zitaten, die 1992 erschienen ist, oder "Who the Devil Made It?" (1997, dt.: "Wer hat denn den gedreht?"), eine tausend Seiten dicke Sammlung von Interviews mit Regisseuren des klassischen Hollywoodkinos; ferner durch seine Mitwirkung in der US-Fernsehserie "The Sopranos", oder, vor zwei Jahren, durch die Gestaltung eines vierstündigen Dokumentarfilms über den US-amerikanischen Musiker Tom Petty und dessen Band "The Heartbreakers", für den er sehr viel Kritikerlob erntete.

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Schlagwörter

Film, Kulturgeschichte

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-07-24 14:12:00
Letzte Änderung am 2009-07-24 14:30:00


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