• vom 17.07.2009, 17:47 Uhr

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Der Tscherkisowski-Markt wurde ohne Vorwarnung geschlossen - Laut den Behörden gab es zu viel Schmuggel

Als Moskau die Hölle zusperrte




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Von WZ-Korrespondent Christian Weisflog

  • Markt-Schließung ist für zehntausende Händler in Moskau existenzbedrohend.
  • Stadt in der Stadt hat vielen Ausländern Arbeit geboten.
  • Moskau. "Wollen Sie wissen wie wir betrogen wurden?", fragt Ludmilla Iwanowa verärgert und blickt dabei mit wässrigen Augen auf die verschlossenen Tore des Tscherkisowski-Marktes. "Ende Juni habe ich noch die Miete für meine zwei Container bezahlt - 5500 Dollar. Tags darauf wurde der Markt dichtgemacht", erzählt die 50-jährige Russin. Mitten in der Wirtschaftskrise wurden die Händler des größten Moskauer Marktes, auf dem nicht weniger als 100.000 Menschen Arbeit fanden, von den Behörden auf die Straße gesetzt.

Gähnende Leere herrscht derzeit auf dem einst so belebten Moskauer Markt. Foto: ap

Gähnende Leere herrscht derzeit auf dem einst so belebten Moskauer Markt. Foto: ap Gähnende Leere herrscht derzeit auf dem einst so belebten Moskauer Markt. Foto: ap

Die bittere Wahrheit wurde den Betroffenen dabei nur scheibchenweise mitgeteilt: Es handle sich lediglich um einen "Sanitär-Tag", damit die Einhaltung der Gesundheitsvorschriften überprüft werden könnte, hieß es zunächst. Etwas später wurde verlautet, dass der Markt, der einer der größten in Europa ist, erst in drei Monaten wieder öffnen solle. Diesen Mittwoch schließlich teilte Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow mit: "Der Markt ist geschlossen, ich denke für immer." Die 230 Hektar im Nordosten der russischen Hauptstadt werden nun womöglich für den Wohnungsbau umgewidmet.


"Hort der Kriminalität"

Der Tscherkisowski-Marktes galt in Moskau als eigener Mikroskosmos, in dem die Russen allerdings nur eine Minderheit darstellten. Die Händler kamen aus dem Kaukasus, Tadschikistan, Vietnam und vor allem aus China. Viele der Kaufleute lebten in ihren Verkaufscontainern und verließen den Markt oft mehrere Monate lang nicht.

Die Händlerin Iwanowa hat derzeit allerdings gerade das gegenteilige Problem. Sie weiß nicht, wie sie hineinkommt. Und die Kleider, die sie für 20.000 Euro aus der Türkei importiert hat, sind immer noch in den zwei Containern hinter den verschlossenen Eisentoren des Marktes. Jeden Tag lässt die Verwaltung nur ein paar Dutzend Händler auf das Gelände, um ihr Hab und Gut herauszuholen. Iwanowa ist verzweifelt: "In ein paar Wochen brauche ich die Kleider nicht mehr, das ist alles Sommerware."

Das staatliche Fernsehen stellt den Markt indessen unermüdlich als Hort der Kriminalität und Unterschlupf für illegale Immigranten dar, um die Schließung zu rechtfertigen. Auf dem Gelände, das Alexander Bastrykin, Chefermittler der Generalstaatsanwaltschaft, einst als "Höllenloch" bezeichnet hat, soll sich Schmuggelware von rund zwei Milliarden Dollar befinden. Und in der Manier eines Volkstribuns bemühte Bürgermeister Luschkow auch gleich rassistische Ressentiments: "Für die einheimischen Produzenten finden wir neue Plätze, aber alle Chinesen und Vietnamesen verlassen Moskau."

Doch so einfach liegen die Dinge nicht. "Gut möglich, dass es Schmuggelware auf dem Markt gibt", sagt die 34-jährige Textilhändlerin Olga. "Im Fernsehen wird jedoch verschwiegen, dass viele Russen auch von dem Markt leben", sagt Olga. Ihr zufolge würden sich auch viele Geschäfte aus den Provinzen hier mit billigen Kleidern eindecken. Dem stimmt auch ein Aserbaidschaner mit russischem Pass zu. Er betreibt eine kleine Nähfabrik mit 40 Arbeiterinnen in der russischen Region Tula. Die Mengen, die er produziere, könne er nur auf dem Tscherkisowski-Markt absetzen, erzählt der kleine Mann mit bebender Stimme. Er habe immer Steuern bezahlt, aber wie er nun Kredite und Löhne begleichen soll, wisse er nicht. "Insgesamt hängen rund fünf Millionen Arbeitsplätze an diesem Basar", schätzt er, der ebenfalls anonym bleiben möchte.

Die ethnischen Spannungen auf Moskaus Märkten werden durch die abrupte Schließung derweil eher verschärft. Die vertriebenen Chinesen drängen nun auf andere Umschlagplätze und treiben dort die Mietpreise in die Höhe. "Mein Mann sucht in der ganzen Stadt nach einem neuen Standort, doch für die Russen ist da kein Platz mehr", sagt Olga und fügt hinzu: "Unsere Rechte werden hier mit Füssen getreten."

Luschkow in der Klemme

Wie üblich in Russland, kann über den eigentlichen Grund der Schließung nur spekuliert werden. Vermutlich geht es um einen Machtkampf auf höchster Ebene zwischen den Kreisen um Premierminister Wladimir Putin und Luschkow. Die russische Regierung hatte die Stadt Moskau bereits früher vergeblich gedrängt, den Tscherkisowski-Markt zu schließen, dessen Hallen mehrheitlich auf föderalem Boden stehen. Doch nun schien die Gelegenheit für einen Coup günstig, liegt doch kompromittierendes Material gegen Luschkow & Co. vor.

Während die russische Wirtschaft mit der Krise kämpfte, nahm der Moskauer Bürgermeister im Mai an der rauschenden Eröffnungsfeier des Luxushotels Mardan Palace im türkischen Antalya teil. Eingeladen hatte der aserbaidschanische Geschäftsmann Telman Ismailow, der Besitzer des Tscherkisowski-Marktes. Die Kosten des Prachtbaus beliefen sich angeblich auf eine Milliarde Euro, zu denen wohl auch die fleißigen Händler vom Tscherkisowski einen guten Teil beigetragen haben.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-07-17 17:47:02
Letzte Änderung am 2009-07-17 17:47:00

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