• vom 13.06.2011, 16:31 Uhr

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Update: 18.06.2011, 20:54 Uhr

Medien

Schnell noch einmal rascheln gehen




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Von Peter Nonnenmacher

  • Die Londoner Newspaper Library, das größte Zeitungsarchiv Europas, steht kurz vor der Schließung

Das Londoner Archiv der Newspaper Library sperrt in Kürze zu. | Umzug in ein neues Lager und Digitalisierung des Bestandes. | London. Wohin mit all dem Altpapier? Mit all den ausgelesenen und abgelegten Neuigkeiten? Schon in der Londoner Underground gelingt es einem kaum, sich am Spätnachmittag noch einen Weg durch weggeworfene Gratisblätter zu bahnen. In Colindale aber müssen die Leute fürchten, von ihren Zeitungsbergen regelrecht erdrückt zu werden. Sollten hier oben auf den Hügeln über London einmal die Speicher bersten, droht der Gemeinde im Norden der britischen Hauptstadt ein Ende mit Schrecken - eine Lawine von einer dreiviertel Milliarde Zeitungsseiten, aus dicht bepackten Regalen von 50 Kilometern Länge.


So viel an vergilbender und schon vergilbter Druckware nämlich staut sich an der Adresse 130 Colindale Avenue. Die mächtige, inzwischen etwas abgenutzte Art-Deco-Fassade birgt eins der bestgehüteten Geheimnisse Londons. Hier draußen in den Suburbs, fast am Ende der Northern Line, sind seit den 30er Jahren die Zeitungsarchive der Britischen Nationalbibliothek, der British Library, angesiedelt. Zeitungen aus über drei Jahrhunderten, auch aus den früheren Kolonien und vom europäischen Kontinent, trotzen an diesem Ort gemeinsam der Kurzlebigkeit, die ihnen einmal zugedacht war.

Kuriose Funde sind in dieser Sammlung zu machen. Die "Mafeking Mail" etwa, während des Burenkriegs in Südafrika produziert. "Tägliches Erscheinen - solange es der Kanonenbeschuss erlaubt", vermeldeten ihre Titelseiten. Comics von 1898, Fußball-Programme aller Epochen, Mode-Journale, Gazetten in der Sprache der Cherokee-Indianer gehören zu den hier gehorteten Kostbarkeiten. Um dieses Raritätenkabinett herum, zu dem auch Library-Mitarbeiter nur mit besonderer Genehmigung Zutritt erhalten, sammeln sich dann die endlosen Reihen der Zeitungen von nationaler Bedeutung, sowie der Provinz- und der Boulevardblätter, die es bis heute gibt oder die irgendwann einmal den Geist aufgegeben haben.

Kein Wunder, dass vor der Erfindung des Computer-Chips Sozialforscher, Historiker, Journalisten und andere neugierige Zeitgenossen in Scharen nach Colindale gepilgert kamen. Sie alle trafen sich im schmalen Lesesaal, wo sie morgens ihre Jacken über die Stuhllehnen hängten und geduldig darauf warteten, dass die von ihnen angeforderten Bände aus den endlosen Korridoren des Archivs auf kleinen Trolleys in den Saal gerollt kamen. Was war schon eine Stunde Warten auf einen Packen Papier, der einen Blick in eine andere Welt, in eine andere Zeit erlaubte!

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Dokument erstellt am 2011-06-13 16:31:24
Letzte Änderung am 2011-06-18 20:54:00


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