• vom 08.08.2008, 13:48 Uhr

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Update: 08.08.2008, 16:31 Uhr

Olympia

"Ich bin Olympiasieger!"




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Von Georg Sutterlüty

  • Bei den Sommerspielen 1960 in Rom gab es einen einzigen österreichischen Goldmedaillengewinner: den Schützen Hubert Hammerer

Der Vorarlberger Hubert Hammerer im Alter.Foto: APA/ Hofmeister

Der Vorarlberger Hubert Hammerer im Alter.Foto: APA/ Hofmeister Der Vorarlberger Hubert Hammerer im Alter.Foto: APA/ Hofmeister

Als Hubert Hammerer sein Turnier beendete, packte er seinen Rucksack, suchte sich ein freies Eck unter dem Vordach des Schießstands und ruhte sich dort erst einmal aus. Noch war vom Rummel nichts zu spüren, der über ihn wenig später hereinbrechen würde. Die letzten Sportschützen absolvierten noch ihr Programm, doch der Wettkampf war eigentlich entschieden. Das wusste Hammerer und er wusste auch, dass nur noch die Jury, die sich gerade über die Turnierscheiben des Österreichers beugte, um mit strengen Blicken die Durchschusslöcher zu kontrollieren, seinen Sieg verhindern konnte. Er wollte es nicht verschreien, aber es lag so greifbar in der Luft, dass er innerlich immer wieder aufzuckte: "Ich bin Olympiasieger, ja, ich bin Olympiasieger!"

In einem solchen Moment geht dann alles viel zu schnell. Journalisten waren sofort informiert, sie erfuhren das offizielle Ergebnis von der Jury, noch bevor es Hammerer berichtet wurde. Danach umkreisten sie ihn, schossen Fotos aus allen Lagen und baten um ein paar Eindrücke. Österreichische Medienvertreter befanden sich keine darunter. Sie weilten fernab des Geschehens im Pressezentrum und verfolgten die Entscheidungen der großen Sportarten, zu denen der Schießsport nun einmal nicht gehörte. Als sie die Nachricht ereilte, ein Österreicher habe eine Goldene gemacht, glaubten sie zuerst an einen Druckfehler. Österreicher gewinnen im Winter, aber nicht im Sommer, war ihre erste Reaktion. Bei Hammerer müsse es sich um einen Australier handeln.


Als Hubert Hammerer 1960 in Rom den Olympiasieg im Drei-stellungskampf Freies Gewehr errang, war er bereits 35 Jahre alt und hatte eine äußerst erfolgreiche sportliche, mit nationalen und internationalen Titeln gekrönte Karriere hinter sich. Wenn der heute 83-Jährige davon erzählt, dabei kaum eine Episode auslassend, wird einem bewusst, wie anders seinerzeit der Sport gewesen sein muss. Früher war Sport einfach noch Sport. Das klingt nach verstaubter Nostalgie. Heute, wo der Athlet in feste Strukturen eingebettet ist und sich um nichts mehr kümmern muss als um seinen sportlichen Erfolg, schafft er sich eine eigene, vom Alltag abgekoppelte Welt. In gewisser Weise ist er ein weltfremder Mensch.

Sport als Nebensache

Hammerer dagegen lebte nicht für den Sport, sondern integrierte ihn in sein Leben. Er betrieb eine Schreinerei, war Familienvater sowie Gatte und beachtete stets das soziale Geschehen seines Dorfes. Daneben trainierte er tagein tagaus, um das zu erreichen, was vor ihm nur einige wenige Österreicher geschafft hatten: eine Goldmedaille bei den Sommerspielen.

Hammerer kam 1925 im kleinen Ort Egg in Vorarlberg zur Welt. Sein sportliches Schicksal war eigentlich schon damals bestimmt, denn sein Vater Kaspar, ein Tischlermeister und erfolgreicher Sportschütze mit klangvollem Namen im deutschsprachigen Raum, gab dem Filius alles mit, was man für eine erfolgreiche Karriere braucht: Talent, Ehrgeiz, Geduld und vor allem Leidenschaft. Als kleiner Bub durfte Hubert den Vater zum Schießstand begleiten, erfuhr als Kleinkind das spezielle Zeremoniell des Schießsports. Als er alt genug war, erhielt er vom Vater Lehrstunden und ließ sich vom Ehrgeiz packen, jede freie Minute zu trainieren. Dann nahm er an Wettkämpfen teil und lehrte seine Gegner das Fürchten.

Als Siebzehnjähriger wurde er deutscher Jugendstaatsmeister. Der Krieg war mittlerweile ausgebrochen, und Hammerer musste einrücken, das Sportgerät gegen ein Vernichtungsgerät umtauschen. 1946 kehrte er wieder heim und wollte so schnell wie möglich das Training wieder aufnehmen. Doch an reguläre Bedingungen war nicht zu denken. Von der französischen Besatzung musste er sich eine Sondergenehmigung einholen, um eine Waffe besitzen zu dürfen. Er kriegte sie, doch nun fehlte ihm Munition, die nicht aufzutreiben war. Aus der Not wurde eine List und vielleicht eine der gefinkeltsten Trainingsmethoden. Der Vorarlberger brachte unter dem Giebel des Schießstands, der rund 150 Meter von seinem Wohnhaus entfernt war und zu dem er freie Sicht hatte, eine Zielscheibe an und simulierte tagtäglich am Morgen, bevor er zur Arbeit ging, und am späten Abend, als er von ihr zurückkehrte, den Schussvorgang. Er öffnete das Fenster des Hauses, zielte auf die Scheibe und drückte ab, aber ohne jemals einen Schuss abgegeben zu haben. Für das Trockentraining brauche man ungemein Geduld, meint Hammerer. Hier könne einer nur bestehen, wenn er diszipliniert und ehrlich zu sich selbst sei. Mit der Zeit konnte er nämlich genau abschätzen, was der simulierte Schuss an Ringzahl einbrachte, was er in einem realen Schussvorgang wert gewesen wäre.

Hammerer qualifizierte sich bereits 1948 für die Sommerspiele in London. Jedoch verzichtete er auf die Teilnahme, da er sich fast schämte, mit derart rückständigem Material anzureisen, um nur den "Prügelknaben" der Amerikaner abzugeben. Welch ehrgeizige Einstellung eines 23-Jährigen, der das Motto "Dabei sein ist alles" nicht gelten ließ!

Der Sportler wollte hoch hinaus und das, obwohl er in den folgenden Jahren erfahren sollte, wie wenig sein Land für seine Leidenschaft übrig haben würde. Österreich war das Land der Schifahrer und der Fußballer, der Schießsport fristete da nur ein karges Schattendasein. Hammerer musste, wollte er Erfolge erzielen, alles selbst in die Hand nehmen. Er war mit Unterstützung des Vaters Athlet, Trainer, Betreuer und Sponsor in einem, während in anderen Staaten die Schützen längst professionellen Status genossen oder zumindest mit üppigen Zuwendungen rechnen durften. "Staatamateure" nennt sie Hammerer, die in den Oststaaten in Fabriken oder im Heer Deckung erhielten, um sich ganz dem Sport widmen zu können.

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Dokument erstellt am 2008-08-08 13:48:00
Letzte Änderung am 2008-08-08 16:31:00


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