• vom 24.07.2008, 16:44 Uhr

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Das "Weltkulturerbe" der Unesco hielt am Schwarzenbergplatz dem gesellschaftlichen Wandel nicht stand

Die Glasresidenz des Garagenprinzen




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Von Hans Haider

  • Ein Bauplatz, drei Häuser, vier Nutzer: Ein ganzes Jahrhundert österreichischer Geschichte erzählt die Wiener Adresse Schwarzenbergplatz 5. Im Neubau der Wiener Garagendynastie Breiteneder wird der gesellschaftliche Wandel augenfällig. Das gesellschaftliche Leben der Unternehmertums verwirklicht sich nicht mehr in Salons und Bibliotheken, sondern unter Sonnenschutzgittern auf Dachterrassen. Mitten in einem Gründerzeitensemble unter Unesco-Protektion.
  • Wessen Augen sich am Schwarzenbergplatz in den letzten Jahrzehnten an der Fertigteilfront des Steyr-Hauses rieben, hoffte auf den Tag X, an dem sich Geld und Geschmack zusammentun, um den klobigen Kommerzbau aus den späten fünfziger Jahren auf künstlerischer Höhe der Zeit zu ersetzen. Mit den Neubauten in seinem Ringstraßenensemble, und der Schwarzenbergplatz gehört dazu, hat sich Wien nichts als blamiert - vom Opernringhof über die Polizeidirektion bis zu den Hotels Marriott und Plaza.

Anfang der achtziger Jahre stand die Lücke Schwarzenbergplatz 3 zur Disposition. Der Architekt Georg Lippert musste die Fassaden im alten Stil wiederaufbauen. Danke, Bürgermeister Gratz, danke, Vizebürgermeister Busek: Ihr Kleinmut war richtig! Fast einstimmig forderte damals die Architektenzunft, dass dem gründerzeitlichen (imperialen) Historismus face-to-face ein ebenbürtiges Zeichen der (republikanischen) Moderne entgegenzusetzen sei.

Am Schwarzenbergplatz 5 hätte die Baukunst eine neue Chance gefunden. Der Ort ist extrem sensibel. Schon die im Kriegsjahr 1916 erschienene Österreichische Kunsttopographie verordnet, dass bei einem "eventuellen Umbau" eines der Häuser zwischen Nr. 2 (Offizierskasino) und Nr. 6 darauf zu achten sei, "dass die jetzige Gestaltung im Grundriss und Aufriss und das Zusammenstimmen der Fassaden nicht leidet. Der Platz bildet mit dem Leuchtbrunnen und dem Palais Schwarzenberg im Hintergrund ein geschlossenes Ganzes."


Stadt Wien lässt Palais Fanto verdrängen

Selbstverständlich war das kurz vor dem Ersten Weltkrieg errichtete Palais Pollack-Parnau nach den Platzregeln ausgerichtet. Diese jüdische Familie wurde 1938 vertrieben, in ihr Haus zog die NSDAP ein, die Fassade verschwand hinter Hakenkreuz-Fahnen. Die alten Besitzer bekamen eine Bombenruine zurück und verkauften sie. Noch die Steyr-Daimler-Puch AG hielt sich an die Baulinie. Google-Earth zeigt noch aus der Satellitenperspektive das Steyr-Haus und beide Baumreihen auf dem alten Vorplatz.

Der Neubau von Sepp Frank und Partnern hat sich rund zehn Meter tief Richtung Hochstrahlbrunnen vorgedrängt und so den Schwarzenbergplatz verkleinert. Zehn Meter sind die durchschnittliche Breite eines Häuselbauerhäusels. Hier schuf die Vorrückung dank der zehn Stockwerke darüber wenigstens 3000 Quadratmeter verkaufbare Nutzfläche mehr. Nur die ebenerdige Passage vor den Schaufenstern einer Bank und eines Restaurants gibt einige Quadratmeter Stadtbodens wieder frei.

Das Palais Fanto mit seiner schmalen Rundtempel-Schauseite, wo auch das Schoenberg Center seinen Sitz hat, wurde durch die neue Nachbarschaft ins Platzwinkerl verrückt.

"Wir kommen langsam an den Punkt, an dem die Stadt als Ware an den Meistbietenden verkauft wird": Diese Warnung des Zürcher Architektur-Soziologen Christian Schmid galt nicht nur Fan-Zonen beim Euro-Megaevent. Am Schwarzenbergplatz war es tatsächlich die Stadt Wien, die für die weitere Demolierung des Ensembles - nach dem Stahlmastenwald der Wiener Linien und der Kopfstein-Buckelpiste zwischen den Straßenbahngeleisen - eine stadteigene Grünfläche samt Bäumen dem Investor ausgeliefert hat. Die Geschäftsgruppe "Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung", geleitet von Stadtrat Werner Faymann, ließ den Wert der Grünparzelle 2002 amtlich schätzen.

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Dokument erstellt am 2008-07-24 16:44:30
Letzte Änderung am 2008-07-24 16:44:00

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