• vom 16.05.2008, 14:40 Uhr

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Update: 16.05.2008, 14:47 Uhr

Literatur

Vom Schreibtisch zum Schießstand








Von Manfred Wieninger

  • Deutschsprachige Krimiautoren ließen sich von der Wiener Polizei den richtigen Gebrauch von Schusswaffen zeigen - einer der Beteiligten berichtet von dem aufregenden Erlebnis
  • Die Insassen des harmlosen Reisebusses, der sich langsam durch Dornbach und Neuwaldegg Richtung niederösterreichische Landesgrenze bewegt, denken praktisch jeden Tag intensiv an Mord und Totschlag und haben auch schon die ausgefeiltesten Tötungsrituale ersonnen.

Hat ein Krimiautor das Zeug zum Pistolero? Foto: Wieninger

Hat ein Krimiautor das Zeug zum Pistolero? Foto: Wieninger Hat ein Krimiautor das Zeug zum Pistolero? Foto: Wieninger

Sicherlich hat jeder Einzelne von ihnen bereits abertausenden Menschen schlaflose Nächte bereitet - denn von Berufs wegen verbreiten diese Fahrgäste besonders gerne Angst und Schrecken. Namen und Begriffe wie Smith & Wesson, Glock, Steyr AUG und Full Metal Jacket sind diesen Reisenden keineswegs fremd und mit Mordwerkzeugen beschäftigen sie sich so routiniert wie die Normalsterblichen mit Kreuzworträtseln, Sudokus und dem Fernsehprogramm.

Kein Wunder, handelt es sich bei den Insassen dieses Busses doch um deutsche und österreichische Kriminalschriftsteller, die sich vor Jahren zur Autorenvereinigung "Das Syndikat" zusammengeschlossen haben und seither alljährlich eine andere Stadt heimsuchen - wobei sie ihr Treiben selbst "Criminale" nennen.


2008 war Wien an der Reihe. Rund zweihundert Krimiautoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum ergriffen nicht nur die Gelegenheit zu Lesungen und Buchpräsentationen an rund 60 Wiener Schauplätzen, sondern bildeten sich auch fachlich weiter, etwa durch einschlägige Vorträge und Seminare, die von führenden Polizeiexperten im Wiener Bundeskriminalamt gehalten wurden.

Grau ist die Theorie
Einer Gruppe von etwa 20 Krimischriftstellern ist der theoretische Unterricht allerdings zu grau gewesen. Deshalb haben sie den Bus gechartert, um Wien den Rücken zu kehren. Kurz nach Neuwaldegg nimmt der Syndikatsbus nicht die Abzweigung zur Höhenstraße, sondern fährt die Exelbergstraße hinauf, die durch satte, grüne Mischwälder zum Dornbacher Forst führt, der bereits in Niederösterreich liegt und in dem sich der rund 516 Meter hohe Exelberg erhebt. Ein aufgelassener Steinbruch tief an der südlichen Flanke des Berges birgt die Schießanlage der WEGA, die für diese Spezialeinheit der Wiener Polizei praktisch überlebenswichtig ist. Denn ein schlecht ausgebildeter Polizeischütze gefährdet sich nicht nur selbst, sondern ist auch eine Gefahr für Kollegen und unbeteiligte Dritte.

Jeder WEGA-Beamte muss einmal pro Woche hier am Exelberg ein Schießtraining absolvieren. Nur so kann der hohe Ausbildungsstand, der letztlich Leben zu retten vermag, aufrecht erhalten werden. Das erzählt mir der Kriminalschriftsteller Günther Zäuner, dessen Krimi-Held Heinz Kokoschansky ein exzellenter Journalist in den Bereichen Kriminalität und Polizeiarbeit ist - genau wie sein Erfinder.

Zäuner, Autor des Standardwerkes "Drogenreport Österreich" und Träger der Goldenen Ehrennadel des Bundeskriminalamtes, hat dank seines guten Kontaktes zu WEGA-Chef Oberst Ernst Albrecht das Schießtraining für die Krimiautoren ermöglicht. Allzu schießwütig scheinen meine Kollegen aber nicht zu sein, denn von den rund 200 in Wien anwesenden Syndikatsautoren hat sich nur ein Zehntel zum Besuch auf dem Schießplatz angemeldet. Der Rest büffelt lieber im Bundeskriminalamt Kriminaltechnik, DNA-Analyse, Zielfahndung etc., oder vergnügt sich sonstwo.

Wie beim Bundesheer
Das letzte Stück hinauf zum Schießplatz kann der Bus auf dem morastigen Waldweg nicht mehr zurücklegen. Während des Fußmarsches über den Exelberg werde ich mir erst dessen bewusst, dass ich zuletzt vor 25 Jahren beim Bundesheer scharf geschossen habe. Weder zuvor noch danach hatte ich eine Schusswaffe in der Hand. Nicht einmal der von mir ersonnene, rabiate Privat-Detektiv Marek Miert hat in bisher fünf Büchern jemals einen Schuss aus seiner altertümlichen Schrotflinte abgegeben.

Allmählich beginne ich mir Sorgen zu machen, ob das Schießtraining für mich überhaupt zu bewältigen ist. Am Schießplatz sind für uns fünf Stände, d. h. Holztische mit verschiedenen Waffen bzw. Waffentypen aufgebaut, wobei jeder Stand von einem erfahrenen WEGA-Waffenmeister betreut wird. Nach der Begrüßung fassen wir Gehörschutz und Plexiglasbrillen aus.

Die erste Station mit einer italienischen Pumpgun - in Österreich eine verbotene Waffe, die aber weltweit von vielen Polizeieinheiten eingesetzt wird - meide ich vorläufig, denn ich habe schon zu viele Geschichten über den verheerenden Rückstoß und schlimme Unfälle (wie Unterkieferbrüche durch zurückstoßende Kolben) gehört. Statt dessen gehe ich gleich zum zweiten Stand, auf dem vier Revolver und jede Menge Munition in bunten Schachteln liegen. Nach einer kurzen Einführung habe ich plötzlich eine geladene, silberne Smith & Wesson Magnum in der Hand und beginne auf 15 Meter weit entfernte Zielscheiben zu feuern. Obwohl ich die Waffe mit beiden Händen halte, bin ich überrascht von ihrem starken Rückstoß.

Meine Trefferquote, das sehe ich selbst, ist mehr als bescheiden. Der WEGA-Ausbilder bringt mir bei, die leergeschossene Magnum zu entladen. Dann bekomme ich eine 45er in die Hand und werde eindringlich darauf hingewiesen, den kurzen, schwarzen Revolver besonders fest mit beiden Händen zu halten. Beim ersten Schuss ruckt die Waffe heftig nach oben und ich habe das Gefühl, als würde sie in hohem Bogen über meinen Kopf nach hinten fliegen. Glücklicherweise ist dem nicht so. Nach weiteren drei Schüssen bin ich aber doch froh, das Magazin des schweren Revolvers endlich leergeschossen zu haben. Über amerikanische Fernsehkrimis und Filme, in denen mit einer 45er lässig und locker einhändig aus der Hüfte geschossen wird, werde ich künftig nur noch lachen.

Der Autor beim Schuss mit einem 45er-Revolver. Foto: Christiane M. Pabst

Der Autor beim Schuss mit einem 45er-Revolver. Foto: Christiane M. Pabst Der Autor beim Schuss mit einem 45er-Revolver. Foto: Christiane M. Pabst

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Dokument erstellt am 2008-05-16 14:40:57
Letzte Änderung am 2008-05-16 14:47:00


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