• vom 15.02.2008, 14:35 Uhr

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Wer spricht Esperanto?




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Von Andrea Katschthaler

  • Gescheiterte Utopie der Völkerverständigung: Trotz 120 Jahren Existenz und zahlreicher Versuche hat sich die Plansprache nicht breitenwirksam durchsetzen können und fristet nach wie vor nur ein Liebhaberdasein

"Heute sind in den Mauern von Boulogne sur Mer nicht Franzosen mit Engländern, nicht Russen mit Polen, sondern Menschen mit Menschen zusammengekommen", sagte Ludwig Zamenhof 1905 beim ersten Esperanto-Weltkongress in Frankreich. Menschen zusammen zu bringen war das Ziel des polnischen Augenarztes. Bereits in seinen Gymnasialjahren arbeitete er an der Völkerverständigung mittels einer neuen, neutralen Sprache. 1887 gab er das erste Lehrbuch für seine "Internationale Sprache" heraus. Um seine Karriere als Arzt nicht zu gefährden, unter dem Pseudonym Dr. Esperanto, jenem Name, der bald auch zum Namen der Sprache selbst wurde.


Vom PEN-Club anerkannt
Esperanto ist einfach, kommt mit 16 Regeln aus, die Wortbildung folgt ausschließlich Prinzipien der Logik, es gibt keine Ausnahmen von den Regeln. Seit 1993 ist Esperanto eine vom PEN-Club anerkannte Sprache. Nach wie vor treffen sich Deutsche, Engländer, Franzosen, Russen, Spanier, Polen und andere Nationalitäten jährlich beim Esperanto-Weltkongress und verwenden Esperanto, um über alle sprachlichen Grenzen hinweg eine gemeinsame Verständigung zu finden. Trotzdem hat sich die Plansprache in ihren mehr als 120 Jahren Existenz nicht breitenwirksam durchsetzen können und fristet nach wie vor nur ein Liebhaberdasein.

"Es gibt keine statistische Möglichkeit, zu erfassen, wie viele Esperanto-Sprecher es gibt, weil alles auf Privatinitiative hin geschieht" , sagt Herbert Mayer, Leiter der Sammlung für Plansprachen in der Österreichischen Nationalbibliothek, zu der auch das Esperanto-Museum gehört. Mayer ist selbst Esperantist.

Der 2003 verstorbene amerikanische Psychologieprofessor und Esperanto-Enthusiast Sidney Culbert - er und seine Frau sprachen miteinander ausschließlich Esperanto - machte 20 Jahre lang Esperanto-Sprecher in vielen Ländern ausfindig und schätzte, dass es weltweit etwa zwei Millionen Esperantisten geben dürfte. Genauere Angaben gibt es bis heute nicht.

Damit ist Esperanto zwar keine Universalsprache geworden, wie sich das Zamenhof gewünscht hatte, ist aber die erfolgreichste aller Plansprachen, zu denen auch das eigens für das "Star Trek"-Universum geschaffene Klingonisch oder J.R.R. Tolkiens Elfensprache zählen. Im Übrigen werden auch Klingonisch und Elbisch tatsächlich gesprochen, meist jedoch nur von eingefleischten Science-Fiction- oder Fantasy-Fans.

In den Jahrzehnten nach Zamenhofs erstem Esperanto-Buch wuchs die Zahl der Sprecher schnell an. Zamenhof selbst publizierte eine Adressenliste miteinander kommunizierender Esperantisten. Brieffreundschaften wurden geknüpft, ab 1905 konnte man die neu gewonnenen Freunde beim Weltkongress treffen, und 1908 wurde der Esperanto-Weltbund "Universala Esperanto-Asocio" gegründet.

Vor allem in sozialistischen und kommunistischen Staaten war Esperanto sehr beliebt. "In China diente Esperanto als Informationskanal" , sagt Christian Galinski, Leiter des internationalen Informationscenters für Terminologie, das sich mit Mehrsprachigkeit in der Fachkommunikation beschäftigt. "Weil China vom Rest der Welt abgeschnitten war, haben viele Esperanto gelernt und sich von Esperanto-Sprechern in anderen Ländern Informationen beschafft."

"Vikipedio" und "Monato"
Trotz der anfänglichen weltweiten Begeisterung für Esperanto findet die Sprache heute hauptsächlich im privaten Bereich statt, vorrangig im Internet, wo sich Esperanto-Sprecher aller Nationalitäten vernetzen. "Vikipedio" heißt die esperantosprachige Wikipedia-Version, auch Zeitungen und Magazine auf Esperanto, wie etwa "Monato", findet man online.

In der Literatur steht Esperanto anderen Sprachen um nichts nach: Goethe, Schiller und Shakespeare wurden bereits übersetzt, aber auch A. A. Milne´s Kinderbuch "Pu der Bär" (auf Esperanto "Winnie la Pu"), die Bibel und den Koran gibt es auf Esperanto. Einige Schriftsteller verfassen ihre Werke von vornherein in der Plansprache.

"Die literarische Qualität von Esperanto hat inzwischen ein Niveau erreicht, das mit Literaturen anderer Sprachen zu vergleichen ist" , sagt Mayer. Die Themen gehen quer durch den Gemüsegarten, beliebte Esperantisten-Anliegen seien aber, so Mayer, internationale Verständigung und Frieden.

Eine Möglichkeit zu internationaler Verständigung bietet "Pasporta Servo", ein Netzwerk von Gastgebern, die andere reisende Esperantisten für ein paar Tage bei sich wohnen lassen - natürlich kostenlos. Die einzige Voraussetzung ist, dass man Esperanto spricht.

Das Erlernen der Sprache soll gar nicht so schwierig sein: "Alle Esperantisten, die ich kennen gelernt habe, sagen, dass sie erstaunt waren, wie schnell das funktioniert" , sagt Herbert Mayer. "Es ist zumindest die leichteste Sprache, die ich kenne, ohne dabei eine Minimalsprache zu sein." Mayer hat Esperanto als Freifach im Gymnasium gelernt.

Auch Heiner Eichner, Professor für Indogermanistik am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien, hat schon in seiner Gymnasialzeit begonnen, sich für Esperanto zu interessieren. "Grammatik und Wortschatz habe ich schnell gelernt" , erzählt er, "aber in der Anwendung braucht man schon ein bisschen Übung" . Heute benutzt Eichner seine Esperantokenntnisse nicht mehr allzu häufig, "aber ich glaube, dass ich mich fließend ausdrücken kann" .

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Sprachen, Esperanto

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-02-15 14:35:17
Letzte Änderung am 2008-02-15 14:35:00


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