• vom 11.01.2008, 14:33 Uhr

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Ein Dichter im Aufwind




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Von Hermann Schlösser

  • Der Expressionist Kasimir Edschmid begann seine literarische Laufbahn mit gewagten Erzählungen, einem Prozess wegen Unsittlichkeit und drei Büchern im Kurt Wolff-Verlag.

Kasimir Edschmid, Foto von E. Wasow, 1919. Foto: Aus dem genannten Buch

Kasimir Edschmid, Foto von E. Wasow, 1919. Foto: Aus dem genannten Buch Kasimir Edschmid, Foto von E. Wasow, 1919. Foto: Aus dem genannten Buch

Die Zeit, in der der junge Literat Kasimir Edschmid vom Schreiben zu leben begann, war den Aufbrüchen günstig. In den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kündigte sich in der Malerei, der Musik, der Literatur Unerhörtes an, und der 1890 geborene Edschmid nahm an der großen Bewegung teil. In Paris, wo er sich zwischen 1910 und 1911 als Student aufhielt, trat er - nach einer glücklichen Formulierung Kurt Schleuchers - als "halb gewollter Bohemien, halb besonnener Student" in Erscheinung. Er besuchte zwar Seminare an der Sorbonne und der École des Chartes, war aber zugleich in der künstlerischen Boheme unterwegs, verdiente Geld als Theaterstatist und Zeitungsverkäufer, begegnete unter anderem Guilleaume Apollinaire, mit dem er um die Wette Gedichte schrieb: Wer als erster fertig war, hatte gewonnen.


Doch traf er auch in anderen Universitätsstädten auf junge Poeten. In Straßburg lernte er Ernst Stadler kennen, den Germanisten und Lyriker, der über Wolfram von Eschenbach dissertiert hatte, Gedichte in neuester Tonart verfasste und mit der englischen und französischen Kultur vertraut war. Dieser vielseitig interessierte und interessante Mann, der 1914 als deutscher Kriegsfreiwilliger in den frühen Tod marschierte, beeindruckte Edschmid nachhaltig.

Da er sich aber immer entschlossener der Prosa zuwandte, ließ er sich literarisch nicht von Apollinaire oder Stadler anregen, sondern von dem Erzähler Arnold Zweig. Ihm war er schon in seinen ersten Münchener Semestern begegnet, und er hatte die Intelligenz und Ausdrucksfähigkeit des drei Jahre älteren Kommilitonen bewundert. 1912 erschienen dann Zweigs "Novellen um Claudia" und Edschmid sah in ihnen manches von dem verwirklicht, wonach er selbst suchte.



"Aus tiefsten Gründen"
Mit seinem Interesse an diesem Buch stand Edschmid nicht allein: Die "Novellen um Claudia" waren Zweigs erster großer Erfolg. Dieser Zyklus aus sieben Erzählungen handelt wesentlich von der Sexualität. Claudia, eine künstlerisch begabte Frau aus gutem Hause, heiratet den Gelehrten Walter. Doch finden diese ästhetischen Menschen nur unter Schwierigkeiten zueinander. Ihre Seelen- und Geistesfreundschaft lässt ihren Körpern keine Entfaltungsmöglichkeit. In der fünften Novelle, "Die keusche Nacht", erzählt Zweig, wie unendlich zartfühlend das Paar die Hochzeitsnacht einzuleiten gedenkt und wie kläglich es dabei scheitert. Schließlich erhebt sich ein Streit, Aggressionen werden frei - und da kommt es plötzlich wie von selbst zu dem, was die beiden durch Zartheit und Delikatesse nicht zustande brachten:

"Seine Küsse erstickten ihr im Munde etwas, das ein Stöhnen sein konnte und auch ein jauchzendes, triumphierendes Gelächter: eins, das aus tiefsten Gründen und Dickichten hervorsprang, ein Elf. Es lachte über alle Ängste und alle Schwierigkeit, über Claudia und Walter, über den ganzen Geist und alle Scheidungen und Hemmnisse; es lachte über die ganze Seele."

Dass Passagen wie diese Eindruck auf den jungen Edschmid machten, lässt sich denken. Auch er suchte nach Lebensäußerungen, die aus "tiefsten Gründen und Dickichten" hervorkämen. In seiner nie mehr neu aufgelegten Novelle "Der Soldat" aus dem Jahr 1914 geschieht zum Beispiel Folgendes: Cecile, eine höhere Bürgerstochter, nähert sich ihrem Geliebten mit dem kostbaren Namen Laurenze nur keusch und in schicklichen Formen. Dies führt dazu, dass er seine sexuellen Bedürfnisse mit einer anderen Frau befriedigt. Als er Cecile seinen Seitensprung gesteht, gerät ihr Blut in Wallung. Sie will sich im Fluss ertränken, hört aber am Wasser "ein wollüstiges Lachen" . Ein Soldat kommt auf sie zu und redet sie ordinär an: "Her auf mein Schoß!" Zu ihrem Schrecken gefällt ihr das sehr gut. Sie erhört den Soldaten zwar nicht, flüchtet aber nach Hause, entkleidet sich und freut sich zum ersten Mal an der Schönheit ihres nackten Körpers. Als ihr jahrelang Angebeteter am nächsten Morgen um ihre Hand anhält, lehnt sie ab.

Bei allen Unterschieden im Detail haben Zweigs "keusche Nacht" und Edschmids "Soldat" das Entscheidende gemeinsam: Sie brechen ein Tabu, indem sie kultivierte, d.h. gehemmte Menschen mit der Erfahrung konfrontieren, dass die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Körper durch einen noch so feinen Geist und eine noch so schöne Seele nicht zu domestizieren sind. Diese Einsicht bewirkte bei Claudia, Walter und Cecile, aber vermutlich auch bei ihren Erfindern und bei den damaligen Lesern einen heilsamen Schock.

Was aber fängt ein heutiger Leser mit den Tabubrüchen und Schockerfahrungen vergangener Tage an? Die Frage ist leichter gestellt als beantwortet. Gewiss spiegelt sich die Spannung zwischen "Ästhetizismus" und "Vitalismus", die sich in der damaligen Literatur häufig zeigte, auch in der erotischen Thematik. Dennoch wird man dieser (und jeder anderen) "Einordnung" nicht froh, mag sie im Übrigen noch so zutreffend sein. Denn gerade die Autoren des frühen 20. Jahrhunderts mochten sich mit der Proklamation neuer literarischer Richtungen nicht begnügen. So bedeutsam der jeweils kursierende "-ismus" für ihr Selbstverständnis auch gewesen ist - wichtiger waren ihnen Kraft und Unabhängigkeit des persönlichen Ausdrucks.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-01-11 14:33:58
Letzte Änderung am 2008-01-11 14:33:00


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