• vom 22.11.2007, 17:19 Uhr

Archiv


Maurice Bejart gestorben




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online / APA

  • Mit Maurice Bejart ist eine Zentralfigur des Tanzes gestorben. Sein Schaffen zeichnete sich nicht nur durch Neuerungen in den Bereichen Technik und Ästhetik und den Einsatz zeitgenössischer Musik aus, sondern vor allem durch die vielfältigen Verbindungen zur weltweiten Traditionen. Mit seiner Compagnie, die zuletzt den Namen Bejart Ballet trug, schrieb der Tänzer und Choreograph fast 50 Jahre lang Tanzgeschichte.

Maurice Bejart wurde am 1. Jänner 1927 als Sohn des Philosophen Gaston Berger in Marseille geboren. Die multikulturelle Hafenstadt sollte sein Werk ebenso prägen wie der Beruf des Vaters: Philosophien und Religionen von Nietzsche über Buddhismus bis zum Islam flossen ebenso in seine Choreographien ein wie Bewegungsfolgen vom südamerikanischen Tango bis zu fernöstlichem Kampfsport.


Nach dem Lizenziat legte er den Familiennamen ab und ersetzte ihn mit dem Namen von Molières Geliebter. Sein Debüt als Tänzer gab Bejart mit 18 Jahren an der Oper Marseille. 1951 zeigte er seine erste Choreographie "L'Inconnue" in Stockholm. 1955 kreierte er den existenzialistischen Pas de deux "Symphonie pour un homme seul" für sein "Ballet de l'Etoile" in Paris.

"Le sacre du printemps" verschaffte ihm die Bewunderung des Brüsseler Opernintendanten Maurice Huisman, der ihn samt Ensemble 1960 als "Ballet du XXe siècle" an die Monnaie engagierte. Als der Compagnie 27 Jahre später die geforderten Mittel nicht bewilligt wurden, zog sie zum Entsetzen ganz Belgiens nach Lausanne weiter und wurde zum "Béjart Ballet Lausanne" (BBL). Mit dem "Ballet du XXe siècle" sprengte Bejart die Form des neoklassischen Balletts. Er verband dessen Eleganz und Virtuosität mit spektakulärer Sinnlichkeit und leidenschaftlichem Körperbewusstsein und wurde er auch zum Erneuerer des Männerballetts.

Béjart wurde mit Wagner und Fellini verglichen: Auch er liebte die große Geste, die üppige Fantasie, das ewige Gefühl, das Gesamtkunstwerk. Dass er vor allem in späteren Jahren keine Berührungsangst vor kitschnahen Elementen hatte, wurde ihm vor allem in den USA vorgeworfen. Einerseits trug er durch seine bildkräftigen, unmittelbar zugänglichen Themen maßgeblich dazu bei, dass das Ballett ein breiteres Publikum erreichte. Andererseits warfen seine Kritiker ihm vor allem nach den großen Wandeln der Tanzszene in den vergangenen Jahrzehnten einen nicht mehr zeitgemäßen Stil vor.

Nicht alle von Bejarts über 200 Choreographien gelten als Meisterwerke, auch wenn er mit vielen Stadien füllen konnte. Aber "Le sacre du printemps" (1959), "Boléro" (1961), "L'oiseau de feu" (1970), "Notre Faust" (1975) und "Le presbytère..." (1997) gingen in die Tanzgeschichte ein. In Wien und Innsbruck wurden immer wieder Chroeographien Bejarts gezeigt, zum Mozart-Jahr 1991 gelangte an der Wiener Volksoper ein Auftragswerk der Stadt Wien zur Aufführung: "Tod in Wien - W.A. Mozart", ein puzzleartiges Werk, das als unchronologische "Reise in die Mozart-Zeit" angelegt war.

Bejart galt als wandelndes Lexikon. Er verfügte über eine riesige Allgemeinbildung, breite Sprachkenntnisse und eine enormes Wissen über fremde Mythen und Kulturen. Vieles floss in sein Schaffen ein: Gesang, japanischer Kampfsport, atonale Musik, modernes Theater - Dinge, die er auch an seinen Schulen - Mudra in Brüssel und Rudra in Lausanne - lehrte. Er hatte den Zen-Buddhismus studiert und war zum Islam übergetreten. Er wollte nicht nur den Körper, sondern auch den Geist schulen - seinen eigenen ebenso wie den seiner Eleven. Bejart hat verboten, dass seine Choreographien nach seinem Tod nachgespielt werden. Doch zumindest die Rudra-Schule soll weiterbestehen bleiben unter der Leitung von Gil Roman, der seit 1979 in Béjarts Truppe ist.

Bejart erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Unter anderem erhielt er 1993 den japanischen Premium Imperiale, der als "Nobelpreis der Künste" gilt. 1986 bekam er ebenfalls in Japan den Orden der Aufgehenden Sonne, 1999 den hoch dotierten Kyoto Preis der Inamori-Stiftung. 1988 ernannte ihn König Baudouin von Belgien zum Offizier des königlichen Ordens. Seit 1994 war Maurice Béjart freies Mitglied der französischen Akademie der Künste, und 1995 verlieh ihm Papst Johannes Paul II. den Preis der Friedensstiftung. 2001 durfte er aus den Händen der Schauspielerin Jeanne Moreau den Laurent Perriere Jahrhundert-Preis entgegennehmen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-11-22 17:19:53
Letzte Änderung am 2007-11-22 17:19:00

Werbung




Werbung