• vom 02.11.2007, 17:11 Uhr

Archiv

Update: 21.02.2008, 16:59 Uhr

"Ich schreibe, um mir selbst etwas klar zu machen"

Peter Bieri




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Markus Kauffmann

  • Der Philosoph Peter Bieri über seinen Weg zur "Analytischen Philosophie", die Freiheit des Willens - und die Wahl seines Künstlernamens "Pascal Mercier", unter dem er erfolgreiche Romane, wie "Nachtzug nach Lissabon", veröffentlicht.

Der zum Großteil in der portugiesischen Hauptstadt spielende Roman "Nachtzug nach Lissabon" ist der bisher größte literarische Erfolg von Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier schreibt. Foto: bilderbox

Der zum Großteil in der portugiesischen Hauptstadt spielende Roman "Nachtzug nach Lissabon" ist der bisher größte literarische Erfolg von Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier schreibt. Foto: bilderbox Der zum Großteil in der portugiesischen Hauptstadt spielende Roman "Nachtzug nach Lissabon" ist der bisher größte literarische Erfolg von Peter Bieri, der unter dem Namen Pascal Mercier schreibt. Foto: bilderbox

Wiener Zeitung: Herr Bieri, wie kommt man dazu, Philosophie zu studieren? Man wird doch nicht Philosoph aus Karrieregründen.


Peter Bieri:Nein, da haben Sie Recht. Ich hatte eine rein platonische Motivation, wenn Sie so wollen. Ich wollte mich mit den wirklich wichtigen Lebensthemen befassen. Ich komme aus einer kleinbürgerlichen, richtig spießigen Schweizer Familie. Wir wohnten in einem Vorort von Bern. Etwas "Schweizerischeres" als meinen Vater kann man sich nicht vorstellen. Worum es bei uns ging, kam mir bald klein, eng, ja irrelevant vor. Mit Ausnahme der Musik - mein Vater war Musiker; ich bin mit klassischer Musik als etwas Selbstverständlichem aufgewachsen.



Mein Weg zur Philosophie führte über die Sprache. Schon früh begann ich mich für Schriften und Texte zu interessieren, die sich nicht jedermann sofort erschließen. Ich fühlte mich zu den "heiligen Texten" der Weltreligionen hingezogen - von der Bibel bis zu den Upanishaden. Mich faszinierten die geheimnisvollen Schriftzeichen, die oft so schön wie Ornamente sind. Schauen Sie sich nur einmal das geschriebene Sanskrit an! Ich besuchte ein wunderbares Gymnasium, an dem ich neben Latein und Griechisch auch Hebräisch lernen konnte. Je geheimnisvoller eine Sprache, desto vielversprechender war es für mich, hinter ihre Geheimnisse zu kommen. Diese Kenntnisse haben mir es zum Beispiel ermöglicht, mich in die tibetische Mystik einzuarbeiten.

Wenn ich etwas wollte, dann immer total. Diese, wenn Sie so wollen, "Exaltiertheit" ist mir bis heute geblieben: Ich bin gerade dabei, Arabisch zu lernen.

Aber wie sind Sie zur Philosophie gekommen?

Nun, wie gesagt: Ich habe mich immer mit den wichtigen Dingen beschäftigen wollen, mit dem Leben, dem Tod, dem Sinn des Daseins. Ich suchte meine Weltorientierung - das, was Ryle die "logische Geographie" nannte. Zu meiner Zeit hatte Karl Jaspers in Basel starken Einfluss auf die Geistesgeschichte, seine Existenzphilosophie und eine Sprache, die der Umgangssprache nahe war. In Frankreich war der Existenzialismus eines Sartre oder Camus bestimmend. Das alles faszinierte mich sehr.

Kurz vor meinem Abitur habe ich mich verliebt und bin einem Mädchen nach London nachgereist. Das brachte zwei entscheidende Impulse für mein Leben. Einerseits merkte ich, wie viel Freude das Können moderner Sprachen macht. Ich lernte Englisch und Spanisch. Am meisten bewunderte ich damals die Arbeit der Dolmetscher. Wie kann man, so fragte ich mich, gleichzeitig in zwei verschiedenen Idiomen zu Hause sein und auch so denken? Das erweckte in mir die Neugier und die Überlegung, wie es wäre, ein ganz anderes Leben zu leben, mit einer völlig anderen "Melodie". Denn Sprache hat sehr viel mit Klang und Melodie zu tun. Für mich sind Worte vor allem Klänge.

In England kam ich außerdem mit der Analytischen Philosophie in Berührung . . .

Sie gelten in Deutschland als einer der Hauptvertreter der Analytischen Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Was ist eigentlich "Analytische Philosophie"?

Das war von Anfang an kein einheitliches Gebilde. Ausgehend vom "Wiener Kreis" um Carnap und Schlick und vom frühen Wittgenstein, verfolgten einige Philosophen, insbesondere im anglo-amerikanischen Raum, das Ideal, die Philosophie in ihrer Methodik an die exakten Naturwissenschaften anzugleichen. Man legte größten Wert auf Logik und Mathematik; man versuchte "Idealsprachen" zu entwickeln; man postulierte die schon zitierte "logische Geographie"; man strebte nach Klärung und Klarheit "through arguing". Doch leider führte schon die "Ordinary Language Philosophy" in Oxford zu einem neuen Dogmatismus.

Ende der 1980er Jahre gab es die "Analytische Philosophie" praktisch nicht mehr. Kohärente begriffliche Themen - beispielsweise über die Willensfreiheit - wurden wieder salonfähig.

Sprachen nicht manche damals vom "Ende der Philosophie"?

Ich habe niemals an solche Parolen geglaubt. Wenn Sie heute in die Universitäten schauen, erkennen Sie an den vollen Hörsälen, wie groß das Bedürfnis nach Philosophie vor allem der jüngeren Generation ist. Auch sie interessiert sich für die anglo-amerikanische Literatur, ohne deren Dogmen zu übernehmen. Doch ein positives Erbe der Analytischen Philosophie bleibt: Man hatte in diesen Jahren eine gedankliche Genauigkeit, eine Exaktheit der Argumentation und eine logische Klarheit erreicht, hinter die niemals mehr zurückgegangen werden kann. Wir haben anspruchsvollere methodische Maßstäbe erworben. Aber die alten Themen der Menschheit - Was ist der Sinn des Lebens? Wovor haben wir Angst, wenn wir vor dem Tod Angst haben? Warum sollen wir moralisch sein? - sind heute so brisant wie eh und je.

Philosophisches Denken unterscheidet sich zum einen grundsätzlich von den "Disziplinen erster Ordnung". Die Aussagen der Philosophie sind allgemeiner, ab-strakter als die der empirischen Wissenschaften. Wie wäre, so heißt die philosophische Frage, Willensfreiheit strukturell zu beschreiben. Philosophie ist jedoch zum anderen nicht das Denken über die Welt, sondern das Denken über das Denken. Also: Was denkt einer, der über die Willensfreiheit nachdenkt?

weiterlesen auf Seite 2 von 3



Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-11-02 17:11:05
Letzte Änderung am 2008-02-21 16:59:00


Werbung




Werbung