• vom 01.10.2007, 17:19 Uhr

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Karola Obermüllers Musiktheaterstück "Dunkelrot" wurde im Staatstheater Nürnberg uraufgeführt

Ein Alptraum-Asyl auf dem Airport




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Von Jörn Florian Fuchs

  • Die Mentorenliste der knapp 30-jährigen Karola Obermüller lässt einen schon etwas erschaudern. Studien bei Adriana Hölszky, Chaya Czernowin, Magnus Lindberg oder Harrison Birtwistle führten sie von Darmstadt über Salzburg (Mozarteum) bis nach Harvard, wo sie seit 2006 selbst Musiktheorie und Komposition unterrichtet.

Gequält von der Vergangenheit, gedemütigt von einer Massengesellschaft: Lien Haegeman (r.) als Migrantin Mahjouba in "Dunkelrot". Foto: Jutta Missbach/Staatstheater Nürnberg

Gequält von der Vergangenheit, gedemütigt von einer Massengesellschaft: Lien Haegeman (r.) als Migrantin Mahjouba in "Dunkelrot". Foto: Jutta Missbach/Staatstheater Nürnberg Gequält von der Vergangenheit, gedemütigt von einer Massengesellschaft: Lien Haegeman (r.) als Migrantin Mahjouba in "Dunkelrot". Foto: Jutta Missbach/Staatstheater Nürnberg

Frisch verheiratet, soeben Mutter geworden und mit einem halben Dutzend Preisen und Stipendien ausgestattet, schrieb Obermüller für Nürnberg jetzt ihr erstes abendfüllendes Werk. "Dunkelrot" erzählt von der afrikanischen Rechtsanwältin Mahjouba, die nach Deutschland kommt und Asyl beantragt. Auf dem Flughafen begegnet sie einer fremden Welt in Form von harschen Polizisten, verständnisvollen, aber letztlich machtlosen Beamten (einer verliebt sich in sie) sowie einer Dolmetscherin. Selbige versteht weniger Mahjoubas Sprache denn die Gefühle der von Schreckensvisionen und traumatischen Erinnerungen heimgesuchten jungen Frau. Am Schluss fliehen beide zusammen in eine ungewisse Zukunft.




Viel Librettokitsch
Während das Libretto der Nürnberger Autorin Gabriele Strassmann reichlich gediegen und moralinsauer daherkommt, bettet Obermüller die Geschichte in einen äußerst suggestiven Soundtrack. Mit betörenden Streicherkantilenen und kräftig aufgetragenem Blech sowie zarten Akkordeon- und Harfenfiguren vermittelt sich die Innenwelt der verfolgten Hilfesuchenden, auch die Gesangslinien haben Kraft und sind, vor allem, gut singbar.

Nur das ausgedehnte elektronische Rauschen, Knacken und Knistern vom Band gerät bisweilen etwas zu ausdauernd, immerhin klingts virtuos - beinahe wie bei Stockhausens unterm Sofa.

Gespielt wird "Dunkelrot" in der Säulenhalle des ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgeländes, tragischerweise starb die Uraufführungsregisseurin Eszter Szabo im Sommer an einem Hirntumor. Szabos Konzept hat Ulrich Proschka (eine bewährte Nürnberger Regiekraft) mit eigenen Ideen angereichert und dem Librettokitsch starke, aber unpathetische Bilder entgegengesetzt.

Ein großer Gang über der Bühne dient als Flughafensteig, diverses Personal läuft vorbei, ein farbiger Asylant wird von Polizisten "abtransportiert", Menschen mit Koffern nehmen davon keine Notiz und haben es eilig. Die recht enge Spielfläche deutet das Terminal an, in der Mitte allerdings ist ein großer Haufen Salz zu sehen. Um ihn gruppieren sich die Figuren und lassen das weiße Gold profan durch ihre Hände rinnen.



Quälende Massen
Mahjoubas Alptraumtrip begleitet eine glatzköpfig-androgyne Figur, die sich immer wieder tänzelnd um sie herumbewegt, sie mal bedroht, und sie dann wieder vor der bösen Masse Mensch retten will. Mahjouba wird getreten, man schnallt ihr lachend Gummibrüste und einen Papp hintern um, bis sich die Dolmetscherin ihrer annimmt und beide - nach anderthalb Musiktheaterstunden - diesem Un-Ort entkommen.

Die Nürnberger Philharmoniker spielten unter der Dirigent Christian Reuter glänzend, Marlene Mild (als Dolmetscherin) sang berückend schön, Lien Haegeman verlieh der Asylantin stimmlich hohe Variabilität und überzeugte vor allem im tieferen Register.

Dem für neue Töne nicht gerade einschlägigen Staatstheater Nürnberg ist mit "Dunkelrot" ein ausgewogen-feinsinniger Opernabend gelungen.

Dunkelrot

Karola Obermüller (Musik)

Gabriele Strassmann (Text)

Christian Reuter (Dirigent)

Ulrich Proschka (Regie)

Staatstheater Nürnberg

0049/911/2313808

Wh.: 3., 8., 10., 12., 14. Okt.

Enorm intensiv.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-10-01 17:19:41
Letzte Änderung am 2007-10-01 17:19:00

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