• vom 26.02.2010, 14:06 Uhr

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Update: 26.02.2010, 14:09 Uhr

Österreich

Lebte Hitler je im Obdachlosenasyl?




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Hanisch und Hitler

Unklar ist auch, wie Hitler, der größten Wert auf ein gepflegtes Äußeres legte und bis zum September 1909 die passende Kleidung zum Besuch der Hofoper besaß, innerhalb eines Monats zum abgerissenen Bettler hätte verkommen sollen. Vor allem jedoch ist das Bild vom mickrigen, schüchternen, bei einem Vorbestraften Rat suchenden Hitler nicht mit seiner Persönlichkeit in Einklang zu bringen - schon in der Schule galt Hitler als renitenter, dominanter Rädelsführer, der keinen Widerspruch duldete.

Tatsächlich war mit dem selbstbewussten Hitler nicht zu spaßen. Dies merkte auch Hanisch, als er 1910 zusammen mit Hitler - das ist einwandfrei belegt - im Männerheim in der Meldemannstraße wohnte. Die beiden - Hitler störte der Umgang mit kriminellen Elementen auch später nie - verband eine florierende Geschäftsbeziehung: Der verhinderte Kunststudent malte Bilder, der Betrüger verkaufte sie. Den Erlös teilte man 50:50.

Hanisch hat sich später auf die Fälschung von Hitler-Bildern verlegt und wurde dafür 1933 verurteilt. Dies hinderte ihn aber nicht daran, mit Interviews über Hitlers Wiener Zeit an die Öffentlichkeit zu treten. 1935 hat der erste Hitler-Biograf und erbitterte Hitler-Gegner Konrad Heiden Hanisch gegen Entgelt interviewt. Gutgläubig nahm er dessen Enthüllungen für bare Münze.

Am 16. November 1936 wurde Hanisch erneut wegen Fälschung von Hitler-Bildern - er signierte sie mit den eigenen Initialen (R.H.), die wie A.H. aussahen - verhaftet, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und ins Wiener Landesgericht eingeliefert, wo er im Februar 1937 an einem Herzschlag verstarb.

Die Erinnerungen des Fälschers an seine angebliche oder tatsächliche Zeit mit Hitler im Meidlinger Obdachlosenasyl zogen nach seinem Tod weite Kreise. Sie erschienen 1939 in "The New Republic" als dreiteilige Serie unter dem Titel "I was Hitler´s Buddy" . Es sind magere, vielfältig interpretierbare Quellen, die allerdings von der Hitler-Literatur für sichere Tatsachen angesehen wurden.

So ist zusammenfassend zu sagen: Hanisch kann nicht als seriöse Quelle dienen, ebenso wenig jedoch Hitler, der aus politischem Kalkül log. In dem Bestreben, sich zum "Arbeiterführer" und "Mann des Volkes" zu stilisieren, meinte der Führer dreist: "Ich war ein junger, unerfahrener Mensch, ohne jede Geldhilfe und auch zu stolz eine solche auch nur von irgend jemand anzunehmen, geschweige denn zu erbitten. Ohne jede Unterstützung nur auf mich selbst gestellt, langten die wenigen Kronen oft auch nur Heller aus dem Erlös meiner Arbeiten kaum für meine Schlafstelle."

Mit fortschreitendem Alter räsonierte Hitler immer öfter über seine "Wiener Notjahre", wobei er die Tatsachen krass verdrehte. So meinte er einmal voll Selbstmitleid: "Wer weiß, wenn meine Eltern vermögend genug gewesen wären, mich die Akademie besuchen zu lassen, so wäre ich wohl nicht in die Lage gekommen, die soziale Not von Grund auf kennen zu lernen . . ."

Anna Maria Sigmund ist promovierte Historikerin, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtswissenschaften der Universität Wien und freie Wissenschaftsjournalistin. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: "Die Frauen der Nazis I-III", "Diktator, Dämon, Demagoge - Fragen und Antworten zu Hitler".

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Dokument erstellt am 2010-02-26 14:06:13
Letzte Änderung am 2010-02-26 14:09:00


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