Kriegsvorbereitungen in der Ukraine: Ein Bub hebt in der Nähe von Mariupol einen Schützengraben aus. - © afp/Volskii
Kriegsvorbereitungen in der Ukraine: Ein Bub hebt in der Nähe von Mariupol einen Schützengraben aus. - © afp/Volskii

Kiew. Fast hätte man ihn in der Europäischen Union vergessen, den Krieg im Osten der Ukraine. Und auch in Kiew oder Lemberg ist nichts davon zu spüren, dass im Osten des Landes jeden Tag Schüsse fallen und Granaten diesseits und jenseits der sogenannten Kontaktlinie einschlagen. Seit 2014 haben mehr als 10.000 Menschen in diesem Konflikt ihr Leben verloren, im Jahr 2017 starb im Schnitt alle drei Tage ein ukrainischer Soldat.

Die Lage in der Ostukraine ist für Nicht-Experten nur schwer zu durchschauen: Während sich in der Nähe der Stadt Awdiiwka ukrainische Soldaten und Kämpfer der Separatisten, die sich am Flughafengelände von Donezk eingegraben haben, jeden Tag Gefechte liefern, passieren nur ein paar Kilometer weiter nördlich - bei Horliwka - Zivilisten jeden Tag die Kontrollposten der einander feindlich gegenüberstehenden Truppen.

Immerhin kann man sich im Konflikt in der Ostukraine auch damit trösten, dass Moskau eine allzu offensichtliche Verwicklung stets vermieden hat: Zwei (völkerrechtlich nicht anerkannte) Entitäten - nämlich die Volksrepublik Donezk sowie die Volksrepublik Luhansk - treten gegenüber Kiew auf. Eine direkte Konfrontation zwischen Moskau und Kiew gibt es somit - zumindest auf dem Papier - nicht.

De facto ist die Lage freilich völlig anders: Diese beiden Entitäten wären ohne die direkte und unmittelbare Hilfe aus Moskau weder wirtschaftlich überlebensfähig noch militärisch handlungsfähig.

Risiko der Eskalation

Die Lage im Asowschen Meer ist aber auch in der Papierform brisanter: Denn hier geht es um eine direkte Konfrontation zwischen Moskau und Kiew. Daher ließ der Zwischenfall in der Straße von Kertsch die Alarmglocken im UN-Sicherheitsrat und wohl auch in den Hauptstädten der EU schrillen. Moskau ist militärisch in jedem Fall in der Lage, die östlich der Krim gelegenen ukrainischen Küstengebiete de facto von einem freien Zugang zum Schwarzen Meer abzuschneiden. Das militärische und politische Risiko dieser Aktion wäre fürs Erste überschaubar, während die ökonomischen Folgen - vor allem für die wichtige ukrainische Hafenstadt Mariupol - gravierend wären. Die Separatisten würden Mariupol gerne unter ihre Kontrolle bekommen und das Asowsche Meer bietet dem Kreml eine weitere willkommene Stellschraube, mit der sich der Eskalationsgrad im Konflikt mit Kiew regulieren lässt. Die Ukraine befürchtet schon seit einiger Zeit, dass Moskau diese Karte ziehen könnte. Russland wiederum wirft in der jüngsten Krise in der Straße von Kertsch der Ukraine vor, man habe lediglich auf "Provokationen" Kiews reagiert.