(af) Der außenpolitische und wirtschaftliche Druck auf den Iran ist groß, doch die Not macht erfinderisch. Schon immer haben es die Perser ausgezeichnet verstanden, zu improvisieren und von ihren tatsächlichen Problemen abzulenken. Ein wesentlicher Bestandteil in der iranischen Politik ist der Ausbau der eigenen regionalen Vormachtstellung. Ein gutes Beispiel dafür ist der Irak. Das politische Chaos nach dem Abzug der US-Truppen scheinen die Perser geschickt für sich zu nutzen. Der schiitisch-sunnitische Konflikt führt zum Zerfall der Koalitionsregierung von Premier Nuri al-Maliki, deren Bildung vor einem Jahr mehr als acht Monate gedauert hatte.

Was bleibt, ist der dominierende schiitische Einfluss aus dem Iran, der vielerorts die Strippen zieht, die Fühler in Bagdad immer weiter ausbreitet und den schiitischen Halbmond unter iranischer Führung forciert. Da wundert es auch nicht, wenn Freitagsgebete in Bagdad auf Persisch gehalten werden oder der radikale irakische Schiiten-Prediger Muktada al-Sadr nun im Sinne des schiitischen Premiers Maliki eine Auflösung des Parlaments fordert. Dies alles passiert auf Zuruf aus dem Iran, und das wissen auch die Amerikaner. Nicht umsonst hat US-Präsident Barack Obama nun überraschend verkündet, er wolle die US-Militärpräsenz am Persischen Golf verstärken, um den Ausfall der US-Truppen zu kompensieren.

Was eint diese neue Achse Teheran-Bagdad? Mit der Gefühls- und Befindlichkeitsebene der vielbeschworenen Brüderlichkeit zwischen Bagdad und Teheran ist es im Kontext der vergangenen Jahre nicht gerade zum Besten bestellt. Erinnern wir uns: Die Waffenruhe Ende der 1980er Jahre beendete zwar den Iran-Irak-Krieg, nicht aber die tiefe Feindschaft gegenüber dem vor elf Jahren gestürzten irakischen Regime Saddam Husseins: So, wie einst Schah-kritische Perser - unter ihnen Ex-Revolutionsführer Ayatollah Khomeini - im Irak Zuflucht fanden, nahm Teheran damals irakische Saddam-Gegner auf, besonders Schiiten und Kurden. Und diese sind es auch, die im neuen Irak wichtige Rollen übernommen haben. Wie etwa Premier Maliki.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass just das Saddam-Regime nicht von den irakischen Schiiten und auch nicht vom Iran beseitigt wurde, sondern vom "großen Satan" USA. Der US-Einmarsch im Irak 2003 löste deswegen gemischte Gefühle im Iran aus: Natürlich war man sehr zufrieden, dass Saddam Hussein gestürzt wurde und die Schiiten im Irak endlich Zugang zur Macht bekamen, gleichzeitig aber mochte man den USA dafür nicht applaudieren. Zumal man von US-Truppen immer stärker umringt wurde: Diese waren in Afghanistan, Pakistan, Zentralasien und schließlich auch im Irak. Da musste man gegensteuern und den schiitischen Einfluss stärken. Das Hauptziel: Von einem vom Iran beeinflussten Irak sollte keine neue Gefahr für seine Nachbarn ausgehen.

Mit der Renaissance des schiitischen Halbmondes durch die neue schiitische Führung im Irak konnte Teheran im Laufe der Zeit wesentlich mehr Einfluss gewinnen als die Amerikaner, die mit ihrem Irak-Projekt machtpolitisch total scheiterten. Die Perser sahen in den Entwicklungen im Nachbarland ein großes Potenzial für die eigene Zukunft: Wirtschaftliche, politische und sogar kulturelle Beziehungen wurden in der Zeit nach dem Sturz Saddams schrittweise intensiviert, und bei internationalen Zusammenkünften präsentierten Teheran und Bagdad immer dreister harmonische Einigkeit. Keine Spur vom tiefen Hass, den man einst füreinander empfunden hatte.

Heute ist der Irak ein lukrativer Markt für iranische Produkte, langfristig auch ein attraktiver Markt für iranische Investitionen. Teherans Versuch, das durch den US-Truppenabzug entstandene Machtvakuum zu füllen und den schiitischen Einfluss in der Region zu stärken, kann bereits als gelungen bezeichnet werden.

Der Iran trachtet nach der regionalen Großmachtstellung, denn der Krieg mit dem Irak hat die Empfindlichkeiten gegenüber dem Ausland verstärkt: Besonders die Waffenlieferungen (zum Beispiel chemische Waffen) an den Irak haben dem Ansehen des Westens unter der iranischen Bevölkerung nachhaltig geschadet. Äußerer Druck wegen des Atomstreits lässt die Perser interne Meinungsverschiedenheiten vergessen und voller Stolz verkünden, dass in der Region ohne den Iran längst gar nichts mehr gehe.

Fazit: Auch wenn die Regierung des amtierenden Staatschefs Mahmoud Ahmadinejad wegen der Wirtschaftskrise, der Sanktionen und der innenpolitischen Spannungen unter Druck gerät, so hält das Regime außenpolitisch an seinem unnachgiebigen Kurs fest. Der Machtkampf mit dem Westen geht also weiter.