Psychologen und Psychotherapeuten für Kinder können in Österreich bereits per E-Card - also auf Krankenkasse - in Anspruch genommen werden. Jetzt startet die niederösterreichische Krankenkasse mit einem psychiatrischen Angebot für Kinder und Jugendliche im niedergelassenen Bereich. In Vorarlberg will man nachziehen, in den anderen Bundesländern wird noch überlegt.

Die niederösterreichische Begründung: In Österreich gibt es bei 21 Prozent aller Kinder und Jugendlichen zwischen 7 und 18 Jahren Hinweise auf psychische Störungen (Depressionen, Ängste, ADHS, Störungen des Sozialverhaltens), und rund 10 Prozent davon bedürfen einer Behandlung. Durch das neue Angebot sollen die Familieneinkommen entlastet, eine Stigmatisierung durch eine Einweisung in eine psychiatrische Ambulanz vermieden und durch Früherkennung unnötige Therapien umgangen werden. Genügend Argumente also, um in die Vorsorge zu investieren, meinen die Experten.

Kritiker warnen hingegen vor zu hohen Kosten und bezweifeln die Treffsicherheit einer solchen Maßnahme - früher habe man "Trotzalter" und "Pubertät" dazu gesagt, und jetzt würden die Kinder krank geredet, damit sich ein neuer Berufszweig etablieren könne. Denn die Kinder- und Jugendpsychiatrie war ursprünglich nur ein Zusatzfach im Medizinstudium. Erst seit 2007 ist sie eine Facharztstudienrichtung.

Kritisiert werden auch die zur Argumentation herangezogenen Zahlen - stammen sie doch unter anderem aus einer deutschen Studie, die einfach auf Österreich umgelegt wurde, da es hierzulande kein entsprechendes Datenmaterial gibt.

Dem wird allerdings auf breiter Ebene entgegengehalten, dass die Zahl der Diagnosen bei den jugendspezifischen Erkrankungen wie zum Beispiel Magersucht, Hyperaktivität und Autismus in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen ist. Etwa jedes zehnte Kind müsse wegen Sprachentwicklungsstörungen und Sprachentwicklungsverzögerungen behandelt werden, Teilleistungs- und Aufmerksamkeitsregulationsstörungen kommen bei etwa 15 bis 17 Prozent der Schulkinder vor, betonen die Experten. Auch die Steigerungsrate der verordneten Antidepressiva bei Kindern und Jugendlichen ist laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger enorm. Mit Trotz und Pubertät habe das nichts zu tun.

Bisher wurden die kleinen Patienten von "Erwachsenenpsychiatern" betreut - ohne entsprechende rechtliche Absicherung. In anderen Ländern ist man da schon weiter - in der Schweiz etwa ist die Zahl der Kinderpsychiater pro Einwohner achtmal höher als in Österreich.