Die Schüsse, die am vergangenen Freitag in Genua den Geschäftsführer der Atomfirma Ansaldo Nucleare, Roberto Adinolfi, in die Beine trafen, haben in Italien Erinnerungen an die unseligen Zeiten der Siebziger- und Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wachgerufen. "Gambizzare" nennen die Italiener diese Art der Anschläge - grob ins Deutsche übersetzt "in die Beine schießen".

Die Attentäter wählten sich dafür Symbolfiguren wie bekannte Journalisten und Wirtschaftskapitäne aus. Eine obskure anarchistische Gruppe, die seit einigen Jahren Briefbombenanschläge gegen Botschaften, Banken und Einrichtungen des Militärs verübt und im Visier der Spezialeinheiten der italienischen Polizei steht, hat sich zu dem jüngsten Anschlag bekannt und weitere angekündigt. Das Innenministerium hat seine Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und die Bewachung gefährdeter Personen und Objekte ausgeweitet. So soll verhindert werden, dass weitere Personen zu Schaden kommen.

So schlimm jeder derartige Anschlag auch ist, so ist allgemeine Terrorangst fehl am Platz. Die anarchistischen Splittergruppen haben bisher - im Gegensatz zu den faschistischen Attentätern, deren Anschläge seit den Sechzigerjahren immer zahlreiche zufällige Opfer forderten - in der Regel gezielt agiert und wurden auch meist ausgeforscht und verurteilt. Zu Recht, denn Gewalt darf niemals zum Mittel der politischen Auseinandersetzung werden, so tief die Krise auch sein mag, in er sie ihre vermeintlichen Wurzeln hat.

In Italien war terroristische Gewalt oft ein Phänomen der gesellschaftlichen Krisen. Die Roten Brigaden, die mit Gambizzare-Aktionen Aufmerksamkeit erregten, deren Gewalt im Mordanschlag auf den mehrmaligen Premier Aldo Moro ihre Spitze erreichte und die letztlich daran zugrunde gingen, haben keine gesellschaftlichen Änderungen herbeigeführt und ihre Taten mit langen Haftstrafen bezahlt.

Die faschistischen Attentäter, die bei fünf großen Anschlägen auf die Landwirtschaftsbank in Mailand (1969), eine Gewerkschafterversammlung in Brescia (1974), die Bahnstrecke zwischen Bologna und Florenz (1974 und 1984) und den Bahnhof von Bologna (1980) wahllos zahlreiche Menschen ermordet haben, sind trotz zahlreicher Prozesse nie ausgeforscht worden.

Vielmehr zeigten sich in den Verfahren, die sich über Jahrzehnte hinzogen, beunruhigende Verstrickungen von einzelnen Geheimdienstkreisen und Politikern der extremen Rechten. Und die hatten mit ihren Aktionen nur eines im Sinn: Verunsicherung der Menschen und den Ruf nach einem starken Mann.