Istanbul. In den vergangenen drei Tagen - bis zur gewaltsamen Räumung am gestrigen Samstagabend - glichen der Taksim-Platz und der angrenzende Gezi-Park in Istanbul einem Kirtag. Straßenmusikanten, Kukuruzverkäufer, streunende Katzen, Hunde und kleine Äffchen mischten sich unter die Demonstranten im Park, der zur Zeltstadt wurde. Um Mitternacht gab es auf dem Platz immer ein Klavierkonzert. An die seit über zwei Wochen ausharrenden "Kämpfer für die Freiheit der Türkei", wie sie sich selbst bezeichnen, wurde immer wieder Tee, Kaffee und Baklava verteilt.

Der Tenor, wenn man die Menschen fragte, warum sie hier seien, war stets derselbe. Es gehe längst nicht mehr nur um die Erhaltung des Parks, dessen geplante Zerstörung der Auslöser für den Konflikt gewesen war, sondern ums Prinzip. Es könne nicht sein, dass der Premier Recep Tayyip Erdogan seine eigene Bevölkerung wie Feinde behandle, ihre Forderungen ignoriere und die Polizei so brutal sei. Von "vielversprechenden Gesten" und einem Einlenken des AKP-Politikers war berichtet worden, als dieser sich nach tagelanger Polizeigewalt (Bilanz: vier Tote und Tausende Verletzte) am Taksim-Platz mehrmals mit verschiedenen Vertretern der Protestierenden getroffen hatte.

Sogar das Versprechen, den Park nicht anzutasten und ein Referendum darüber zu machen, reichte nicht. Am Ende setzte Erdogan wieder auf Gewalt und schoss sich damit ins eigene Knie. Völlig überraschend attackierte die Polizei am Samstagabend mit Wasserwerfern, die offenbar eine ätzende Substanz enthielten, und Tränengas den Taksim-Platz, der zum Schlachtfeld wurde. Kinder fielen weinend zu Boden, Panik brach aus. Die teils verletzten Menschen wurden in den umliegenden Gebäuden aufgenommen. Ein Internetcafe wurde zum Lazarett für Verwundete und Menschen mit Atemproblemen. Die Lichter des Cafés wurden abgedreht, um die Polizei in die Irre zu führen.

Wenn der Gouverneur von Istanbul im Zusammenhang mit dem Einsatz nicht von Attacke, sondern von Räumung spricht, wirkt er wie ein Realitätsverweigerer. Wer dort war, wird auch bestätigen können, dass es weit mehr als die offiziell 29 Verletzten gab. Eines ist gewiss: Eine Lösung ist nach der gestrigen Aktion in weite Ferne gerückt, denn die Demonstranten wollen nicht aufgeben und sind gerade dabei, neue Strategien der Proteste zu schmieden.