Warum nur plötzlich dieser Hass? Das ist eine der drängendsten Fragen unseres Zusammenlebens, nicht erst seit dem Mord an Jo Cox, der 41-jährigen Labour-Abgeordneten und EU-Anhängerin mitten im "Brexit"-verrückten Großbritannien. 9/11, Madrid, London, Utoya und Oslo, Brüssel, Boston, Charlie Hebdo, Bataclan, erst Orlando und jetzt das nordenglische Birstall - es ist längst unmöglich geworden, eine auch nur annähernd vollständige Liste im Gedächtnis zu behalten.

Für den Terrorismus aller Richtungen, wobei unsere Zeit die Islamisten und Rechtsradikalen prägen, ist der Hass fixer Bestandteil ihrer politischen Strategie. Er treibt sie zu ihren mörderischen Taten an, die wiederum den Hass der Opfer schüren. Die Strategie ist pervers und zugleich furchteinflößend rational. Versuche, diese Logik zu durchkreuzen, etwa indem - wie es der Mann eines Opfers des Massakers im Pariser Musikklub Bataclan getan hat - man sich dem Hass auf die Täter bewusst verweigert, scheinen aussichtslos. Zu wenige Menschen sind zu einer solchen Übermenschlichkeit in der Lage.

Die Hasser, die auf Gegenhass aus sind, wissen, dass sie sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen können. Max Webers Satz von der Politik als dem Bohren harter Bretter ist zum Allgemeingut geworden. Sehr viel weniger bekannt ist Webers Diktum, dass es sich bei Politik um einen Kampf mit und gegen die Dämonen handelt, die in jedem Menschen auf eine Chance zum Ausbruch lauern. Dieses Wissen war unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als Weber diesen Gedanken verfasste, Allgemeingut.

Die historisch einzigartige lange Ära von Frieden und Wohlstand nach 1945 hat uns Europäer geschichtsvergessen gemacht. Und heute, völlig überrascht über die plötzliche Welle an Hass, suchen wir nach neuen Schuldigen - und glauben, diese in den neuen sozialen Medien zu finden. Daran stimmt lediglich, dass unsere niedrigsten Gefühle mit Twitter, Facebook und in den Online-Foren der etablierten Medien nunmehr über höchst effiziente und maximal breitenwirksame Vertriebskanäle verfügen. Das trifft sich natürlich ausgezeichnet, wo doch jetzt jeder praktischerweise über eine eigene Meinung verfügt und zudem gelernt hat, diese lautstark und gekonnt allen anderen mitzuteilen. Und wie das geht, zeigen ja die Eliten in Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur - mit Ausreißern nach unten wie oben - tagtäglich vor.