Wien. Wer Politik betreiben will, der sieht sich in der Regel auf die Bewirtschaftung gesellschaftlicher Mangelerscheinungen zurückgeworfen, und zwar solcher emotionaler wie materieller Natur. Das ist beileibe keine neue Beobachtung. Zu allen Zeiten haben sich die Menschen nach dem gesehnt, was sie nicht (oder nicht mehr) haben, von dem sie aber wissen, dass es grundsätzlich (wieder) erreichbar ist.

Gefühle von Verlust und Mangel bestimmen also unsere Gegenwart. Darauf mit Fakten zu kontern, die belegen, dass noch nie zuvor so viele in so großem Wohlstand lebten, ist kein probates Gegenrezept. Jedenfalls nicht, wenn dahinter nicht auch eine überzeugende politische Erzählung steht. Und eine solche ist bis auf Weiteres nicht in Sicht.

Also regieren im politischen Wettbewerb Geschichten, die vom Niedergang erzählen. Was unweigerlich dazu führt, dass der Einzelne seine soziale und wirtschaftliche Stellung gefährdet sieht. Auch deshalb ist ein Gefühl von Bedrohung, manchmal vage und unbestimmt, dann wieder handfest, wohl auch das stärkste Band, das die Gesellschaft in der Gegenwart zusammenhält.

Diese Stimmungslage, in welcher Moll und düstere Farben dominieren, ist nicht naturgegeben, sondern bewusst herbeigeführt. Zwar ist es auf den ersten Blick durchaus naheliegend, dass eine großteils saturierte Wohlstandsgesellschaft wie die Europas im Allgemeinen und die Österreichs im Besonderen vor allem die Sorge vor dem wirtschaftlichen oder sozialen Abstieg umtreibt. Aber zumindest beim näheren Hinsehen erstaunt das fast völlige Fehlen jeglicher, politisch propagierter Zuversicht dann doch.

Stattdessen inszeniert die Politik eine Gegenwart, die vorgeblich mit dem Rücken zur Wand steht. Einzige Ausnahme: Wenn es um die Bewerbung der eigenen Leistungen geht, tönt es heiter in Dur. Was praktischerweise zu geschlossenen Reihen in den Parteien führt, schließlich verspricht allein das eigene Programm, der eigene Chef - es ist tatsächlich, jedenfalls in Österreich, ein ausschließlich männliches Phänomen - Rettung vor dem Untergang. Es sei denn, man macht es wie Christian Kern, dem es im Handumdrehen gelungen ist, die eigene Partei restlos zu verunsichern.

Ansonsten aber ist die Liste der Befürchtungen so lang wie breit und ihre politischen Lautsprecher reichen von ganz weit rechts bis ans linke Ende des politischen Spektrums. Nicht einmal die auch rhetorisch nur noch schütter besetzte Mitte vertraut auf die Zugkraft einer ganz säkular gemeinten Frohen Botschaft. Wie auch, wo sich gerade die Mitte selbst am stärksten gefährdet sieht?