"Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus." Bis 1969 hat die katholische Kirche des vom Evangelisten Lukas überlieferten Ereignisses gedacht. Dann fiel das Fest "Circumcisio Domini", das bis zum heutigen Tag von den altorientalischen Christen weiterhin am 1. Jänner gefeiert wird, einer vom Vatikanischen Konzil sanktionierten Liturgiereform zum Opfer. Kritik regte sich damals kaum.

Das ist auch nicht verwunderlich. Das heikle Thema Beschneidung hat zumindest in der europäisch-westlichen Kultur über die Jahrhunderte - wenn man von antisemitischen Ausfällen absieht - kaum jemanden interessiert. Man hielt es vielmehr mit Paulus, der im Römerbrief betonte: "Jude ist nicht, wer es nach außen hin ist, und Beschneidung ist nicht, was sichtbar am Fleisch geschieht. Beschneidung ist vielmehr, was am Herzen geschieht." Was laut Paulus zählt, ist nicht die Zirkumzision selbst, sondern die Treue zum Gesetz. "Hältst du aber das Gesetz nicht, bist du aus einem Beschnittenen ein Unbeschnittener geworden." Anleihe nahm der Apostel beim alttestamentarischen Erneuerer Jeremia, der seine Mitbrüder aufforderte: "Beschneidet euch für den Herrn und entfernt die Vorhaut eures Herzens, ihr Leute von Juda." Damit war das Thema bei den Christen erledigt. An die Stelle der Beschneidung trat das Sakrament der Taufe.

Dennoch zeigen diese Bibelzitate eines auf - nämlich dass bereits in der Antike und nicht erst seit dem Spruch eines Kölner Gerichts, das die Operation als Akt der Körperverletzung verurteilte, heftig diskutiert wurde. So sahen etwa die griechischen Doketisten in der Beschneidung Jesu den Beweis dafür, dass der Herr "wahrer Mensch und wahrer Gott ist".

Nur die Juden blieben bis heute dabei. Für sie gilt das Wort des alten Testaments, wo es in der Genesis unter Kapitel 17 heißt: "Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch." Wer sich nicht daran hält, dem droht Ungemach: "Ein Unbeschnittener, eine männliche Person, die am Fleisch ihrer Vorhaut nicht beschnitten ist, soll aus ihrem Stammesverband ausgemerzt werden. Er hat meinen Bund gebrochen." Juden, die sich dem widersetzen, riskieren also einiges.

Aus Liebe zur Ehefrau?

Dabei hatte das Gebot der Circumcisio von Anfang an handfeste gesundheitliche sowie soziale Gründe: Ursprünglich wurde die Beschneidung von den Wüstenbewohnern Afrikas, Asiens und sogar Australiens geübt, um zu verhindern, dass bei Sandstürmen Sandkörner in den Vorhautsack eindringen, was mit erheblichen Schmerzen verbunden war. In Abwandlung eines mittelalterlichen Rechtsaktes könnte man die Maßnahme auch als "statutum in favorem mulierum", also als eine Verfügung zugunsten der Ehefrauen bezeichnen. Denn durch die Entfernung der Vorhaut im Kindesalter wird die Haut der nun bloßliegenden Eichel abgehärtet und für Berührungsreize weitaus weniger empfindlich, wodurch der Samenerguss des Mannes während des Geschlechtsverkehrs hinausgezögert wird. Das hat zur Folge, dass die Frau die Vereinigung mit dem Mann intensiver erlebt, was wiederum der ehelichen Harmonie und Treue förderlich ist.

Keine Erwähnung im Koran

Dieser Kontext wurde später, wie Kritiker argwöhnen, nicht (mehr) durchschaut und deshalb, ob seiner Bedeutung für die Gesundheit und den Zusammenhalt des Stammes, in den Rang religiöser Gebote erhoben. Der Bibel zufolge also durch Abraham, später umfassender durch Moses. Bei den Gläubigen kommt diese These nicht gut an. Auch setzen sie sich gegen die Annahme zur Wehr, dass die Beschneidung im Laufe der Jahrhunderte den Charakter eines unauslöschlichen "Males im Fleische" angenommen habe, das zunächst einmal die Religionszugehörigkeit betonen sollte. Die gelebte Praxis habe mancherorts erst dazu geführt, dass sie in Verkennung ihres Zwecks sogar am weiblichen Geschlecht geübt wurde.

In dieser Tradition stehen demnach auch die Muslime. Auch sie lassen ihre Nachkommen spätestens im 13. Lebensjahr im Gedenken an ihren Propheten Mohammed, der mit einer sehr kurzen Vorhaut geboren worden sein soll, beschneiden. Allein im Koran findet man darüber keine Zeile, sondern lediglich die Aufforderung, dem Gebot Abrahams zu folgen.

Nur, gar so unmodern ist dieses Gebot - auch in der westlichen Welt - bis heute nicht. Demnach sollen 57 Prozent aller US-Amerikaner beschnitten sein. An Sandstürmen liegt es wohl nicht. Eher dürften die amerikanischen Frauen an der Zirkumzision ihren Gefallen gefunden haben.