"So wahr scheint diese Szene!": Diesen Satz aus dem Libretto schienen sich die Staatsopern-Besucher zuzuflüstern, als die von den Komödianten errichtete Kulisse im zweiten Akt der "Pagliacci" unversehens nach hinten kippte - wie das Bühnenpublikum wusste auch jenes im Zuschauerraum kurze Zeit nicht, wo die Inszenierung endete und die Realität begann. Ein Unfall, der nicht nur ein Stück über die Verflechtungen von Spiel und Wirklichkeit um eine Metaebene erweiterte, sondern auch der 25 Jahre alten Ponnelle-Inszenierung ein neues Spannungsmoment verlieh.

Doch war dies nicht das Einzige, was den Besuch der - ausverkauften - 94. Aufführung des Opernpaares "Cavalleria rusticana /Pagliacci" zum lohnenden Ereignis machte. Zwar brauchte die neue Santuzza Janina Baechle ein wenig, um in die Gänge zu kommen, warf sich aber mit Inbrunst in die Rolle der Entehrten, der sie mit erdiger Bruststimme angemessene Drastik verlieh.

Die ob ihrer Mozart-Interpretationen gerühmte Hausdebütantin Alexandrina Pendatchanska hatte als Nedda indes Probleme,
sich gegen das Orchester durchzusetzen.

So darf Oper hin
und wieder sein


Keinen solchen Schwierigkeiten war Ambrogio Maestri (Tonio/Alfio) ausgesetzt, dessen mächtiger Bariton im Prolog für Jubel sorgte. Der größte Applaus galt dennoch José Cura (Turiddu/Canio), an dessen Kraftmeierei sich das Publikum nicht zu stoßen schien. Auch der Umstand, dass manche Details im von Graeme Jenkins geführten Orchester etwas schludrig ausfielen, trübte die Freude nicht. Eine ältere Besucherin seufzte am Ende gar: "So muss Oper sein!" Auch wenn man ihr nicht vollinhaltlich zustimmen mag: So darf Oper gern hin und wieder sein.

Oper

Cavalleria rusticana/Pagliacci

Graeme Jenkins (Dirigent)

Jean Pierre Ponnelle (Regie)

Mit Janina Baechle, José Cura, Ambrogio Maestri

Wiener Staatsoper

Wh.: 25. und 29. Juni