Die Guten Werke retten Jedermann.
Die Guten Werke retten Jedermann.

Bei Hofmannsthal rettet seit 100 Jahren eine allegorische Figur die Seele des wohlhabenden Stadtbürgers Jedermann für den Himmel. "Gute Werke" nennt die Kirchenlehre die auf ein Lebenskonto angesparten moralischen Boni. Heuer rettet in dieser Gnadenrolle Lina Beckmann Christian Stückls erstmals 2002 gezeigte und seitdem weiterentwickelte Inszenierung.


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Birgit Minichmayr, vom Dichter nur als brettlgotischer Vamp ausgestattet, geht in schulterfreier Eleganz neben einem jugendfrischen Schwebewesen unter. In einem alpenländischen Kleineleut-Dirndl erlöst die heuer aus Köln geholte Lina Beckmann als eine reine, wahnhaft Liebende den sündigen Mann.

In ihrer sensationellen Viertelstunde vor Ultimo vermittelt die von Stückl in vielerlei Richtung verzerrte Textversion heilsgeschichtlich mehr Sinn als Hofmannstals moralinsaurer Klappertext. Lustblind wirft sie sich dem schon wie ein Boxer angezählten Jedermann an den Hals. Wie ein Engel geleitet sie ihn aus dem Schlamassel hinaus, das Leben heißt. Ein Männertraum, eine Männerhoffnung also, sehr irdisch und doch biblisch. "Und hättet ihr der Liebe nicht . . .", warnte Paulus.

"Liebe deckt alle Übertretungen zu", spricht schon das Alte Testament. Dessen Gott (Martin Reinke), im Kostüm eines Kaftanjuden, will als Dauerbeobachter des Weltgeschehens Jedermanns Lotterleben nicht länger dulden - nicht seine Gewalt gegen Arm und Schwach, nicht die bizarre Regenbogen-Maskerade seiner Tischgesellschaft.

Gottes Sendbote Tod (Ben Becker) gleicht einem in Silbersud getauften Bademeister aus der Herrenabteilung. Und Mammon (Sascha Oskar Weis) prahlt mit blankgoldnem Hintern. Schleißige Operettenseligkeit! Ein Verschnitt aus Rokoko, Offenbach und dem Altmeister bizarrer Endzeit-Décadence Witold Gombrowicz - alles Staffage, um die holzgeschnitzten Sprechfiguren auf dem Riesenpodium optisch nicht verhungern zu lassen. Die Kinderschar in Lederhose, die das Spiel ansagt und schließt, ist wenigstens herzig anzuschauen und beschert "A Sound of Salzburg Music".

Nicholas Ofczarek legte seit dem Vorjahr zu. Ein Gewinn für alle Zuschauer, die den Kapitalismus in moderner Horrorgestalt genießen wollen. Er gibt Jedermann als einen Mann mittlerer Reife ohne Kern, taumelnd um seine Beherrschung ringend wie ein Spiegeltrinker, raumgreifend flink und rührend träge im Auf und Ab von Aggression und Depression. Wechselhaft auch die Stimmungslage beim Premierenpublikum.

Theater

Jedermann
Von Hugo von Hofmannsthal
Christian Stückl (Regie)
Salzburger Festspiele