Lebendig gewordene Pinselstriche in "Mouvements".
Lebendig gewordene Pinselstriche in "Mouvements".

Der Fantasie setzt Marie Chouinard keine Grenzen. Ganz im Gegenteil: Lässt man sich auf ihre Bewegungssprache einmal ein, beginnt eine Reise in die Welt der Assoziationen und Imaginationen. Ob ins Tier- oder Pinselstrichreich, frei nach dem Motto "Freiheit der Schöpferkraft". Und zwar in diesem Fall jener des Publikums.

In "Les Trous du ciel" wird gezischt, laut geatmet, geschlürft, gebrüllt, geheult und auch gesungen. Da schlägt sich etwa eine Tänzerin der elf Performer per Fausthieb so stark auf die Brust, dass erstickte Geräusche aus ihrer Kehle tönen. Die Lautmalerei ist Ausdruck und Basis eines an das Tierreich oder vielleicht auch an vorzeitliche Naturvölker erinnernden Bewegungsstils. Wölfe oder Vögel, Neandertaler oder Urvolk: In Paarungs- und Kampfesritualen lassen sie der Interpretationskraft freien Raum. Die Kanadierin Marie Chouinard zeigt beim ImPulsTanz-Festival das Revival ihres ersten Bühnenstücks aus dem Jahr 1991, dem ein Inuit-Mythos über die Göttin des Meeres - die am Ende auch unmotiviert kurz auf- und abtaucht - zugrunde liegt. Das Schrittrepertoire ist sekundär, den ritualisierenden Szenarien untergeordnet. Die Mimik hingegen im Tanz der Laute tonangebend.

Henri Michaux’ Vorlage


Unter dem Einfluss der Droge Mescalin erschuf der belgische Maler und Dichter Henri Michaux 1951 sein Buch "Mouvements", bestehend aus 64 Tuschzeichnungen und einem Gedicht. Diese Vorlage verwendete Marie Chouinard als Notation für ihr Solostück im Jahr 2005, am Dienstag - als zweites Stück des Abends - für die Neuinszenierung von "Henri Michaux: Mouvements" als Gruppenchoreographie. Ihre in Schwarz gekleideten Tänzer setzten die im Hintergrund auf Leinwand projizierten Zeichnungen in Körperstudien um, als wäre dies eine Tanznotation. Zuerst noch als Solo in gemächlichem Tempo und staccato, wird die Posenfolge immer schneller, immer flüssiger, sodass Posieren zum Tanz wird. Dabei wird auch schon einmal am Pullover gezerrt, um dem zeichnerischen Original näher zu sein. Mit wachsendem Tempo steigert sich auch die Geräuschkulisse, die an härtesten Hardrock erinnert. Der Reigen der lebendig gewordenen Pinselstriche wird immer brutaler, die Bewegung immer körperfeindlicher, die "Musik" immer penetrierender - und es gipfelt in zuckenden Lichteffekten, vor denen schon im Programm gewarnt wird. Chouinards Zugang und Ideen-Umsetzung in Bewegung ist einzigartig, wenn auch gewöhnungsbedürftig. Sie serviert dem Zuseher keine Performance, sondern er wird geistig aktiv in die Stücke hineingezogen. Fantasieübungen gewissermaßen.

Performance

Les Trous du ciel/Henri Michaux: Mouvements
Von Marie Chouinard
Museumsquartier/ImPulsTanz
Wh.: 4. August