Eins, zwei, Wiegeschritt: Shakespeare als Tango mortale mit Maja Schönela (Lady Macbeth), Alexander Simon (Banquo).
Eins, zwei, Wiegeschritt: Shakespeare als Tango mortale mit Maja Schönela (Lady Macbeth), Alexander Simon (Banquo).

Seinen letzten Ruhrtriennale-Jahrgang leitete Willy Decker mit Großformaten ein. Oben drüber steht, nach Judentum und Islam, heuer der Buddhismus.


Links
Website Ruhrtriennale
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Geliefert wird aber keine Multikulti-Folklore, sondern eine Spurensuche in exemplarischen Hauptwerken abendländischer Hochkultur. Immerhin sind zwei bekennende Buddhisten dabei Regisseure: erst der Intendant selbst mit seinem genialisch reduzierten, von Kirill Petrenko faszinierend dirigierten "Tristan". Und jetzt Luk Perceval mit Shakespeares "Macbeth" in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck.

Vor zwölf Jahren hat der Salzburger Königsdramen-Marathon "Schlachten" den Flamen im deutschsprachigen Theater berühmt gemacht. Seine flämisch-englisch-deutsche "Lear"-Version, dann sein "Othello" und sein "Hamlet" am Hamburger Thalia machten Furore und zeugen von Percevals Shakespeare-Affinität. Auch "Macbeth" wird nach Hamburg gehen. Doch der besondere Charme, das Düstere, das Zwielicht der hereinbrechenden Nacht, die Dimension der alten Maschinenhalle, all das wird dort nicht so leicht zu adaptieren sein.

Schrecken im Breitwandformat


Gespielt wird im Breitwandformat. Das Publikum schaut von einer Tribüne an der Längsseite nach unten wie in einen Raubtierkäfig. Vor der unverhängten Fensterfront türmen sich mehr als 100 Tische, zehnfach gestapelt wie eine lädierte Pyramide.

Auf dem Boden sind gefühlte 1000 Soldatenschuhe verteilt. Am Ende der knapp zwei Stunden wird Banquos Sohn anfangen, sie paarweise aufzustellen - so als müssten die anrückenden Rächer nur noch hineinspringen, um den Usurpator zur Strecke zu bringen.

Doch wer Kriegsgeschrei und Waffenlärm erwartet, wird enttäuscht. Dieser "Macbeth" ist verblüffend leise, entschleunigt, nach innen gerichtet. Die Prophezeiungen der Hexen sind schon in der Welt oder besser in den Köpfen von Macbeth (Bruno Canthomas) und Banquo (Alexander Simon), die sich anfangs wie in einem Western-Showdown gegenüberstehen.

Die stummen Hexen schleichen sich erst ein wie die Lemuren. Am Ende sind es neun nackte Frauen mit bodenlangem Haar. Bei der Erscheinung des ermordeten Banquo erinnert sich die Maschinenhalle dröhnend an ihr früheres Leben, und wir spüren das Hämmern im Kopf von Macbeth geradezu physisch.

Atemberaubender Rückzug in den Wahnsinn


Die Mikroports für die Schauspieler sind hier allerdings nicht leidiges Hilfs-, sondern raffiniert genutztes Stilmittel. Man spricht leise, flüstert, lässt uns beim Denken zuhören - oder der Lady (Maja Schöne) bei ihrem Rückzug in den Wahnsinn: eine Atmosphäre wie in einer Katie-Mitchell-Inszenierung, nur ohne Videos.

Dieser "Macbeth" ist nicht nur ein finsteres Nachtstück, sondern ein atemberaubendes Nachtgedankendrama aus dem Inneren des Bösen.

Erstaunlich, wie faszinierend das Dunkel in dieser Aufführung leuchten kann!

Theater

Macbeth
Von William Shakespeare
Luk Perceval (Regie)
Ruhrtriennale
Wh.: bis 17. September