Im Buchstaben-Dschungel: Paul Lorenger.
Im Buchstaben-Dschungel: Paul Lorenger.

Der spanische Komponist José María Sánchez-Verdú schreibt feinst ziselierte Musik, die eine beeindruckende Vielfalt an neuen Orchesterfarben mit Spannungsbögen zu verbinden weiß. Klangeffekte sind bei ihm nicht aufgesetzte Avantgarde-Artefakte; seine Musik pulsiert und schafft ganz unaufgeregt Suspense, der das Publikum in atemloser Spannung hält.

So geschehen auch bei der österreichischen Erstaufführung der Kammeroper "Gramma - Gärten der Schrift" im Semperdepot durch die Neue Oper Wien. Der Komponist hat Texte von Homer bis Dante zusammengestellt, die sich mit dem Erinnern und Vergessen beschäftigen, mit der Funktion der Schrift und der Frage, ob diese uns das Verstehen erst ermöglicht oder den Weg zur Wahrheit verstellt. Die Auseinandersetzung mit der Philosophie Platons ist eine der Verbindungslinien dieser Texte: Dies wird deutlich, wenn man sich mit den Texten im Programmbuch befasst. Das Bühnengeschehen lässt vieles offen, versucht nicht, die Textebene zu erhellen, sondern setzt andere Akzente und eigene Bilder - ein praktikabler Weg, um diese Literaturoper halbwegs theatertauglich zu machen.

Dirigent Walter Kobéra und Regisseur Christoph Zauner ergänzen die Oper durch Musik: "The Unanswered Question" von Ives und Monteverdis "Lame d’Arianna" sind eine bekömmliche Beigabe zum auf musikalischer Seite überaus geglückten Abend.

Zudem wird die Figur eines Tänzers ins Stück integriert. Er ist der Zentralpunkt der Inszenierung: Sprecher und Sänger adressieren ihn stets direkt, er ist Publikum und Hauptperson in einem. Wir sehen seine Kindheitserinnerungen auf eine Leinwand projiziert, und weil sein Geist zuletzt so etwas wie eine Himmelfahrt erfährt, kann die Inszenierung als finale Rückschau eines Individuums verstanden werden.

Tänzer Paul Lorenger stellt diese in eine kreisrunde Bühnenwelt geworfene Giacometti-Figur dar. Adi Hirschal überrascht als Sprecher alle, die ihn nur im leichten Bühnenfach kennen, mit konzentriertem Ernst. Bibiana Nwobilo überzeugt dank starker Bühnenpräsenz und einer samtweichen Sopranstimme, die zu dramatischer Attacke fähig ist, ohne ins Schrille zu kippen. Tenor Oliver Ringelhahn und Bariton Günter Haumer wirken in ihren stimmlichen Möglichkeiten dagegen beschränkt. Trotz einer eher abstrakten Ausgangslage gelingt ein spannender Opernabend.

Oper

Gramma
Von José M. Sanchéz-Verdú
Semperdepot
Karten: : 0699/10745907
Wh.: 9. bis 11. September