Unschuldsengel oder Satansbrut? Eleanor Burke (Flora) und Teddy Favre-Gilly (Miles) in "The Turn of the Screw".
Unschuldsengel oder Satansbrut? Eleanor Burke (Flora) und Teddy Favre-Gilly (Miles) in "The Turn of the Screw".

"Hab’ keine Angst, es ist ja nur ein Film!" Als Kind dankt man für solche Beschwichtigungen. Nur als Kind? Tja, wer weiß: Vielleicht führte das Theater an der Wien nun Ähnliches im Schilde, als es im Schlussapplaus die Kulissen verschwinden und das Publikum in die nackte Bühnenweite starren ließ. Siehe da: alles nur Theater! Eine unnötige Räumung jedenfalls, wollte man so dem ganzen Ensemble Platz machen: Benjamin Brittens "The Turn of the Screw" hat keinen Chor. Und das Orchester ist mit 13 Leuten schlank aufgestellt.

Dafür macht sich hier Horror breit. Dass er nur dann im vollen Spektrum schillert, wenn die Gräueltaten lediglich zu erahnen sind, wusste schon US-Autor Henry James. Seine Romanvorlage von 1898 - vorgeblich ein subjektiver Tatsachenbericht - hat doppelten Boden: Sieht da eine Gouvernante auf dem Land tatsächlich Geister, die ihre Schützlinge bedrohen - oder wird sie an Hirngespinsten irr? Für das Ende jedenfalls ist es unerheblich: Blut wird fließen.

Dieses Zwielicht hat nicht nur Britten (1954) erhalten, es speist auch Robert Carsens Regie: In seiner schaurigen Schwarzweiß-Szenerie wirft der untote Schuft Quint pechschwarze Schatten an die Wand, ist zu Beginn gar nur eine Filmprojektion. Für Psychologie-Interessierte ein Wortspiel: Projektion, so heißt ja auch ein Abwehrmechanismus bei Sigmund Freud.

Schaurige Unzugänglichkeit


Zwar weiß man bei Carsen auch zuletzt nicht, ob Quint einst den kleinen Miles missbraucht hat und nun neues Übel ausheckt, aber zumindest: dass das Oberstübchen der Gouvernante seinen Teil zum Horror beisteuert. Sexuell ein Dörrgebiet, aber im festen Glauben an die Verkettungs-Konstanz von Versuchung und Fall, werden ihr Quints Nachtrufe zum Lust- und Albtraum. Prüde Logik: Auf den kleinen Tod folgt der große. Diese Dame selbst wird Miles dann zu Tode schützen: Die "Drehung der Schraube" als Motorik, die das zu Verhindernde erst zustande bringt.

Die Eindunklung einer weißen Unschuldswelt wird nun ebenso grandios gespielt wie gesungen: auf der einen Seite der Dämonenblick des melismensicheren Quints (Nikolai Schukoff) und die jenseitsdunkle Miss Jessel (Jennifer Larmore), auf der anderen die vokalen Aufbäumungen der Gouvernante (Sally Matthews) nebst der herb-kräftigen Haushälterin (Ann Murray). Und dazwischen die Kinder. Unschuldsengel, Satansbrut? Eleanor Burke und Teddy Favre-Gilly, vokal bezaubernd, wirken schaurig unzugänglich.

Das Ungute, es sickert ja auch in die Musik ein: Wenn Miles etwa am Klavier klassische Artigkeiten vorführt - und dann doch bei Quints wirren Glitzerklängen landet. Schon allein da zeigt sich die Bandbreite dieser ebenso atmosphärischen wie klug ausgeklügelten Partitur, einer Fortsetzung der Tonalität unter Beimischung anderer Mittel - wie dem Mittel, dass die fatale Schraube hier in Form eines Zwölfton-Themas rotiert. Mit hoher Präzision, vor allem sinnlicher Lyrik realisieren Dirigent Cornelius Meister und eine Abordnung des RSO Wien diesen Soundtrack zu Carsens Filmbildern: ein Thriller, den man gesehen haben sollte.