Erwachsen und als Kind: Johannes Silberschneider undKilianLangner.Spuma - © Lupi Spuma / LUPI SPUMA FINE PHOTOGRAPHY KARE
Erwachsen und als Kind: Johannes Silberschneider undKilianLangner.Spuma - © Lupi Spuma / LUPI SPUMA FINE PHOTOGRAPHY KARE

"Für eine kurze Zeit war ich glücklich", seufzt Frau Gödel, und ihr Mann, der große Zeittheoretiker, kontert wie aus der Pistole geschossen: "Das ist viel!" Nicht nur da fällt einem Loriot und das Viereinhalb-Minuten-Ei ein. Wieder hat Daniel Kehlmann prominente Denker in den Ring geschickt. Diesmal wird nicht die Welt zwischen zwei Buchdeckeln vermessen, sondern es werden die Zeit-Geister losgelassen.

Schweigsamer Gödel


Wer also war Gödel? Ein österreichischer Mathematiker und Zeitphilosoph. Ein schweigsamer Sonderling ("Es gibt zu viel Meinung auf der Welt", lässt Kehlmann ihn einmal sagen). Ein grenzgenialer Spinner, der sich mit seinem fanatischen Glauben an Geister irgendwie selbst hinauskatapultiert hat aus der ernsthaft-handfesten Welt der Zahlenwissenschaften. Und nicht nur aus dieser, sondern auch aus der echten Welt: Gödel argwöhnte, man wolleihn vergiften - so ist er an Unterernährung gestorben.

Daniel Kehlmann hat sich für seinen Theater-Erstling mit der ihm eigenen Akribie eingefuchst in Zeit und Umfeld. Köstliche hypothetische Begegnungen und Dialoge baut er. Kehlmann zeigt Talent zur Ironie. "Sie hier?", fragt Gödel überrascht, irgendwo im hintersten Sibirien auf dem Weg ins amerikanische Exil, als der (zu dem Zeitpunkt schon tote) Kollege Moritz Schlick auftaucht. Der pariert nicht denkfaul: "Die Frage ist unter ihrem Niveau. Sie wissen, dass es kein Hier gibt."

Jetzt gibt es natürlich schon gar keines. Kehlmann splittet die Figur Gödel gleich in vier Personen. Das Kind, der junge Wissenschafter, der alte Exilant - und dessen Alter Ego. Johannes Silberschneider, Rudi Widerhofer, Claudius Körber und David Rauchenberger bilden dieses Quartett. Die Zeitebene kippt permanent - das ist die Herausforderung an die Bühnenumsetzung: Raimund Orfeo Voigt hat für Regisseurin Anna Badora einen spitz nach hinten zulaufenden, weißen Raum geschaffen, der vorne von einer vielfeldrigen Glaswand abgeschlossen wird.

Aus Fleisch und Blut


Einem starken Ensemble gelingt es, die verquersten wissenschaftlichen Sentenzen in einen Alltags-Tonfall umzumünzen. All die Wissenschaftsgeister begegnen uns als Menschen aus Fleisch und Blut. Fein vor allem jene Szenen, die den "privaten" Gödel zeigen. Eine Revuetänzerin hat er geheiratet, und die Dame hat fortan mit dem Eigenbrötler einiges aufzulösen. Sie kocht Krautfleisch und er spintisiert vom Zukunftsvehikel. Da wird es Frau Gödel zu bunt und sie redet selbst mit den "Geistern", die ihr Mann sieht. Allein: Er sieht sie in der anderen Ecke des Raums. Männer und Frauen denken eben anders, das wusste schon Loriot.