Sébastien Soulès als Baal und Michael Wagner als Ekart begeistern. - © © Armin Bardel â?¢ www.arminbardel.at
Sébastien Soulès als Baal und Michael Wagner als Ekart begeistern. - © © Armin Bardel â?¢ www.arminbardel.at

Zu Friedrich Cerhas 85. Geburtstag nach langer Zeit wieder einmal die Oper "Baal" als sein Chef d’Ouevre zu präsentieren, wäre für jede größere Bühne Ehrenpflicht gewesen. Doch nur die Neue Oper Wien hat sich in dankenswerter Weise dieser Aufgabe gestellt: Denn schon die Salzburger Uraufführung vom Jahre 1981 weckte die Überzeugung, einem der bedeutendsten Musiktheaterwerke seit Alban Bergs "Lulu" begegnet zu sein. Das bestätigte jetzt eine fulminante Aufführung in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfarbik.

Keine Alban-Berg-Nähe


Sein Libretto hat Cerha aus den insgesamt fünf Fassungen von Bert Brechts gleichnamigem Theaterstück destilliert. Baal ist prima vista ein "negativer Held": Sein Freiheitsstreben und sein radikales Glücksverlangen machen ihn brutal und rücksichtslos. Er konsumiert die Frauen und lässt sie wieder fallen, zuletzt tötet er noch seinen Freund Ekart. Aber er ist auch rührend um seine sterbende Mutter besorgt; und er liebt die Natur über alles, in der ihn zuletzt ein einsamer Tod erwartet.

In seiner Musik war Cerha nach seinen Worten bestrebt, Ansätze zur Identifikation mit dieser a priori unsympathischen Figur zu finden. Kühn verschmilzt er unterschiedliche tonsprachliche Ebenen. Zu Unrecht hat man ihm dabei die intensive melodische Expressivität seiner Partitur als "Alban-Berg-Nähe" zum Vorwurf gemacht. Denn Cerha geht weit darüber hinaus. Verfahrensweisen der Klangflächen-Komposition stehen für den Bereich des Naturhaften; Anleihen an Trivialmusik bestimmen die in die Handlung eingestreuten, von Baal gesungenen Chansons, das alles verbunden durch eine faszinierend reiche Palette der Orchesterfarben. Die Kontroversen um sein Werk hat Cerha vorhergesehen: "Im meinem Produkt steht vieles im Widerspruch zu dem, was den herrschenden Konventionen gemäß im modernen Komponieren passieren darf . . ."

Szenisches Meisterstück



Erneut hat sich Walter Kobéra als souveräner Anwalt zeitgenössischer Musik profiliert. Mit ruhiger Sicherheit leitet er sein amadeus-ensemble wien, das alle Facetten des eminent schwierigen Orchesterparts aufblühen lässt. Ideal in Erscheinung und Spiel verkörpert Sébastian Soulès die Titelpartie bis in die verstörende Sterbeszene hinein; mit markantem Bassbariton und prägnanter Diktion verleiht er ihr auch stimmlich dominantes Profil. Als Hauptfiguren stehen daneben Michael Wagner (Ekart) mit wuchtigem Bass und Belinde Loukota (Sophie) mit rückhaltlos eingesetztem Sopran. Vom großen Ensemble, das jeweils mehrere Rollen übernimmt, seien etwa noch Elisabeth Lang als Mutter, dazu Oliver Ringelhahn oder Daniel Serafin genannt.

Mit seiner Inszenierung hat Leo Krischke gewiss sein Meisterstück geliefert. Ungemein plastisch formt er die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander. Und er nützt die von Gilles Gubelmann geschaffene Schräge mit ihren zahlreichen Falltüren zu raumgreifenden, überzeugenden Aktionen. Allerdings: Dass sich die schwarzgekleidete Menschengruppe der ersten Szene durch das ganze Stück hindurchzieht, soll wohl Brechts marxistisch angehauchtes Diktum, Baal sei "asozial, aber in einer asozialen Gesellschaft" illustrieren.

Einmütiger Jubel dankte allen Mitwirkenden und dem anwesenden Komponisten.