Ein Wort- und Lebensakrobat: Hofreiter (Tobias Moretti) mit Genia (Juliane Köhler). - © HANS JOERG MICHEL
Ein Wort- und Lebensakrobat: Hofreiter (Tobias Moretti) mit Genia (Juliane Köhler). - © HANS JOERG MICHEL

So viel Theater-Anfang wie in München ist selten. An den Kammerspielen pflegt Johan Simons den flämischen Akzent und jetzt folgt im Residenztheater der Kärntner Martin Kuej als Intendant auf Dieter Dorn, der in München 35 Jahre lang die Szene auf beiden Seiten der Maximilianstraße prägte. Kuej wird nichts vom Vorgänger übernehmen - mehr als 25 Neuinszenierungen stehen auf dem aktuellen Spielplan - im Großen Haus die großen Stücke, im Cuvilliéstheater die Gegenwartsdramatik und im Marstall stadtoffene Projekte. Die grassierende Mode, Filme oder Romane zu adaptieren, macht Kuej dabei nicht mit.

Er selbst begann als Regisseur mit Arthur Schnitzlers einhundertjähriger Seelenvermessung "Das weite Land". Was Charme hat, denn 1911 wurde das Stück zeitgleich etwa in Wien und München uraufgeführt. An der Burg hat Alvis Hermanis gerade mit einem Schwarz-Weiß-Krimi daran erinnert. Und wenn Kuej heuer mit seiner Version als regieführender Intendant startet, dann mag da auch ein Servus Richtung Wiener Burgtheater mitschwingen. Deren Chef Matthias Hartmann und ein halbes Dutzend seiner wichtigsten deutschen Amts-kollegen sowie die Creme der Regisseure von Breth über Kriegenburg bis Castorf gaben sich die Ehre.

Kein Paukenschlag, aber überzeugend


Sie alle erlebten, wenn auch keinen Paukenschlag oder radikal verstörenden Bruch, so doch einen überzeugenden Auftakt. Als bilderstarken Aufstieg. Nach einer vorangestellten Beerdigung (hinterm Regenvorhang als kaum verständliches Vorspiel) geht es aus der bürgerlichen Wohnzimmerhölle, über eine Steilwand hinauf bis ins Geröllfeld mit seiner philosophiefreundlichen Höhenluft. Und wieder zurück in die Leere der Erkenntnis des Friedrich Hofreiter, dass die Liebes- und Lebensfreiheit, die man nur sich selbst nimmt, noch lange keine ist. Selbstmord, mehrfacher Ehebruch und tödliches Duell inklusive.

Die Stars dieser Aufführung im Kammerton sind Martin Zehetgrubers Bühne und Tobias Moretti. Der Guckkasten ähnelt einem Panoramafenster, meist mit Blick in ein metaphorisch dichtes Trauerweidengrün. Oder in die verregnete Öde. Den Aufstieg absolvieren Friedrich und Erna tatsächlich in einer Steilwand. Den titelgebenden Satz, dass die Seele ein weites Land ist, den liefert der geschiedene Unternehmer Aigner in der Höhe der Geröllwüste.

Das Kammerspiel entfaltet sich meist in Rampennähe. Hierher stolpern die (Mit-)Spieler manchmal so derangiert durchs Grünzeug, dass man gerne wüsste, was die eigentlich für eine Art von Tennis spielen. Das Ensemble ist prominent bestückt. Eva Mattes ist die etwas statuenhafte Schauspielerin Meinhold, Juliane Köhler die dauerverhärmte Genia, Markus Hering der leidende Lebensfreund Maurer, August Zirner der noble Aigner, die jungen Leute sind erfrischend jung.

Der überraschend starke Mittelpunkt ist Tobias Moretti als Hofreiter. Er gibt den witzig-charmanten Verführer, der sich aus jeder Klemme windet, vor allem aber über einen Wort- und Lebensabgrund balanciert und dabei lächelnd hinuntersieht. Am Ende steht ihm ins Gesicht geschrieben, was ihm von da entgegenblickt. Das war ein grandios zurückgenommenes, erstaunlich differenziertes Solo inmitten eines respektabel mitziehenden Ensembles.