Harald Serafin als General (rechts) und Matthias Mamedof als Kilian Blau in Nestroys "Der Färber und sein Zwillingsbruder". - © APAweb / Herbert Pfarrhofer
Harald Serafin als General (rechts) und Matthias Mamedof als Kilian Blau in Nestroys "Der Färber und sein Zwillingsbruder". - © APAweb / Herbert Pfarrhofer

1912 hielt Karl Kraus über seine Zeit Gericht in seiner Rede "Nestroy und die Nachwelt". Der Schauspieler-Dichter, so Kraus, habe "die Hinfälligkeit der Menschennatur so sicher vorgemerkt, dass sich auch die Nachwelt von ihm beobachtet fühlen könnte, wenn ihr nicht eine dicke Haut nachgewachsen wäre". Das war zum 50. Todestag. 50 Jahre später begann, Hans Weigel und Gustav Manker sei Dank, eine Nestroy-Renaissance bis tief in deutsche Lande hinein. Zum 150. Todestag ist mit über 50 Bänden die historisch-kritische Nestroy-Ausgabe abgeschlossen. Aber Nestroy auf den Wiener Bühnen?

Eine blamable Lücke. Nicht nur an der Burg, wo die aus Volkskomik herausschießende Seziermessersprache vielleicht einzelne tonsichere Interpreten fände, aber nie mehr ein Ensemble. Die Josefstadt verjuxte soeben "Lumpazivagabundus" im Blinklicht von Flipperautomaten. Das Volkstheater holte in die Militaristenposse "Der Färber und sein Zwillingsbruder" Harald Serafin als Spaßzeit-Wunderwaffe. Kein General kommandiert im Original, sondern ein Marquis, der das Grenztrüppchen zum Schutz eigener Güter überredet. "Wunderbar" Serafin plaudert gewohnt witzig und singt als Dritter-Akt-Komiker eine auf sich gemünzte Variante von Georg Kreislers Chanson "Er is‘ nur a General". Die dickhäutigen Freunde der Mörbischer Operette zerkugeln sich.

Nestroy schrieb sich 1840 eine Doppelrolle auf den Leib. Der Färbermeister Kilian Blau rettet Bruder Hermann in dessen Grenzer-Uniform aus der Bredouille. Eingestandenermaßen nicht er selber, sondern sein Pferd in der Attacke machte ihn zum Helden wider Willen. In dem nach französischer Vorlage konstruierten Verwirrspiel ist Kilian ein Tölpel in Liebes- und Heiratssachen – die Ehe nennt er eine "wechselseitige Lebensverbitterungsanstalt" - sowie beim Exerzieren. Jeder Zwilling ist des andern Schattenseite. Hermann jagt erfolgreich Schürzen in besseren Häusern. Ein Anstandswauwau zwingt Hermann mit Duellpistolen, ein jenseits der Grenze entehrtes Jagdopfer zu heiraten. Doch es ist Kilian in Uniform, der den Kontrakt unterschreibt. Nestroy schloss mit Hermanns Hochzeit, während Kilian sich glücklich mit seiner Roserl aus dem Staub macht. In Vicki Schuberts Holzhammerregie zwingt der General auch das Buffo-Paar zur Ziviltrauung.

Auch der Dekoration von Stephan Koch ist abzulesen, dass die Handlung nach Anno 1930 transponiert ist. Die Färberei: ein Hinterhof-Gewerbebetrieb. Die Kaserne: Ziegelfassaden eines Wiener Gemeindehofs mit den typischen Rundfenstern und Gittern, über der Toreinfahrt ein Spruch noch aus Kaisers Zeiten: "Tapfere Männer sind die besten Mauern, ihre Liebe und Treue unüberwindliche Burg".

14 Soldaten wirbeln ihre Gewehre durch die Luft wie West-Point-Kadetten. Nur Kilian taumelt, purzelt, stolpert, fällt. Hundertmal. Ein nimmermüder Gummimensch, dieser Matthias Mamedof mit seinen großen Kinderaugen im Kannitverstan-Gesicht. Ihm fehlt die Schärfe der reiferen Nestroy-Rollenerben auch im Sprechen. Statt die satirischen Perlenreihen genussvoll durchzukauen, spuckt er sie oft hastig weg. Die elektrische Verstärkung schwillt an zu Musical-Höhen und bremst, trivialisiert den romantischen Zauber, in welchem zwei Glücksucher von konträrer Disposition wie durch Feenhand geführt dasselbe Ziel erreichen - und einander eins werden.

In sächselnder Sprechmanier hat Thomas Kamper als Herr von Löwenschlucht wenig Glück, und auch Nina Horváth als dessen Schwesterl befördert die Abneigung gegen alle Fremden. Andrea Bröderbauer (Roserl) ist eine resche, selbstbewusste Gesellin im chemischen Gewerbe. Wenzel Scholz gab gewöhnlich auf der Nestroy-Bühne die traurigen Liebhaber. In seiner Intrigenrolle als Diener Peter ist Alexander Jagsch zum patscherten Französeln angehalten, aber er behauptet sich als Solitär wie aus einer anderen Welt. Alexander Lhotzky und der gewichtige Christoph F. Krutzler machen im Corps der Grenzgendarmen die schönste Figur. Doch eine komische Marschierkulisse wie im Kabarett, von einer Combo mit viel Blech begleitet, sind sie allesamt.