Strindberg’sche Ehehölle: Sandra Cervik und Michael Abendroth (r.) mit Vetter Joachim Nimtz.
Strindberg’sche Ehehölle: Sandra Cervik und Michael Abendroth (r.) mit Vetter Joachim Nimtz.

Ganz vorne an der Rampe ein weißes Designersofa. Eine Schauspielerin (Sandra Cervik) tritt vor den Vorhang, erinnert das Publikum ans Ausschalten der Handys, erzählt von ihrer problematischen Ehe und sagt aufatmend: "Ich hab ihn weggeschickt." Allerdings nicht für lange. Die Lichter im Zuschauerraum verlöschen, der Vorhang hebt sich, im Hintergrund überlebensgroß das Bild eines Mannes mit Überwachungskamera (Bühne: Herbert Schäfer), passender Rahmen für die Kurzfassung von Strindbergs "Todestanz".

Ehedrama als Komödienspiel


Günter Krämer zeigt Strindbergs Ehehölle als ritualisiertes Komödienspiel eines leicht verspießerten, in Hassliebe aneinander geketteten Paares kurz vor der Silberhochzeit, beim abendlichen Kartenspiel. Beide wissen ganz genau, wie sich der andere auf die Palme bringen lässt. Sie genießen es sichtlich, wenn in den messerscharfen Dialogen die Pointe sitzt.

Sandra Cervik als Alice, ehemals Schauspielerin, agiert im schlampigen Negligée auf der privaten Bühne mit professioneller Attitüde in der Rolle der gedemütigten, aber raffiniert aufmuckenden Gattin. Doch auch Michael Abendroth als vom Kontrollzwang besessener, paranoid-hypochondrischer Edgar beherrscht das Lebensspiel mit Perfektion, flüchtet in kurze Absenzen und sinkt nach einer jähen Herzattacke zu Boden. Gespielt oder echt? Kurt, der Vetter von Alice, der in den USA ein Vermögen gemacht hat, kann auf dieses Gefühlschaos schließlich nur mit Ratlosigkeit reagieren. Joachim Nimtz gibt ihn als hemdsärmeligen Pragmatiker im Ami-Look mit Schirmkappe und Lumberjack.

Realität ohne Probebühne


Friederike Roth führt die Geschichte als "Lebenstanz" weiter. In einer irritierenden Sprache, die poetisch-melancholische Passagen mit Banalitäten verschränkt. Die Frau erkennt als Schauspielerin, dass man in der Realität ohne Probebühne auskommen muss. Einmal verpatzte Auftritte lassen sich auf der Lebensbühne nicht beliebig oft wiederholen, bis man es endlich - wie auf dem Theater - richtig macht. Vor den Augen der Zuschauer verwandelt sie sich in einem fulminanten Auftritt zu einem Lady-Gaga-Klon mit weißblonder Perücke und rotem Glitzerkleid.

Nach der Pause treffen der Mann - immer noch in schmucker Kapitänsuniform - und die Frau, beide sichtlich gealtert, in einer Art Reha-Zentrum zusammen. Eine Sphinx mit Leopardenleib, Francis Khnopffs berühmtem Gemälde "Les Caresses" nachempfunden, dominiert neben einem Mumienwesen eine surreale Wüstenlandschaft. Der jugendliche Chor der "Leidensfreien" definiert das Leben als "Ort des Todes", aber auch als "Schonraum der Hoffnungen". Trotz aller Altersleiden und dem Wissen um den unvermeidlichen Tod sehnt man sich nach Ehrlichkeit und Liebe, auch wenn der Infusionsdauertropf und die metallene Gehhilfe den tragikomischen Liebesakt zur mühsamen Angelegenheit machen.

Alles in allem: Ein schauspielerisch exzellenter, aber recht zwiespältiger Abend, der allemal zum Nachdenken anregt. Ist doch gerade an scheinbaren Plattitüden viel Wahres dran.