Wenn sich ein Kabarettistenquartett "Brennesseln" nennt, dann hat das einen Grund. Denn bei Alfred Aigelsreiter, Robert Herret, Paul Peschka und Peter Siderits ist der Name Programm. In selbigem, nämlich im neuen, beweisen sie auch im 31. Jahr, dass die Brennesseln die österreichischen Meister im Wortspiel sind: Da hebt Aigelsreiter mit seinen Compagnons zu intellektuellen Höhenflügen an, bildet aus nur jeweils vier bis fünf Wortstämmen minutenlange Mono- und Dialoge. Die Sprache ist ihre Waffe, ob in Prosa, Lyrik oder Liedform. Die Beschreibung "Scrabble-Kabarett" trifft es wohl am ehesten.

Der Inhalt? Nicht viel anders als im vorherigen Brennessel-Programm: Die Politiker, insbesondere die österreichischen, sind schlecht – aber wir wählen sie trotzdem. Warum? Man weiß es nicht. Auf seichte Kalauern lassen sich die Brennesseln nicht herab, wenn sie über die politische Klasse (oder deren Gegenteil) losgehen, wenn sie Rot, Schwarz, Blau, Grün und Orange nicht anpatzen, sondern regelrecht abwatschen. Sie haben schon Niveau, ihre Beleidigungen, allerdings landen sie zum Teil weit unter der Gürtellinie, schon fast im klagbaren Bereich. Und leider auch mit einigen Redundanzen und billigen Pointen, die eine solche Truppe eigentlich nicht nötig hätte. So hart wie diesmal sind die Brennesseln noch selten mit rechten Idioten und linken Waplern ins Gericht gegangen. Freilich um Ausgewogenheit bemüht, schließlich bekommen auch jene ihr Fett ab, die den rechten Verhetzern Grund zum Verhetzen geben. Und es sind nicht nur Politiker, die untergriffig ihre Verbalwatschen kassieren, sondern auch andere Teile der Gesellschaft, zum Beispiel C-Promis, aber auch das Publikum – Letzteres natürlich in sehr abgemilderter Form, hier ist es mehr ein zärtliches Tätscheln, mit dem ihm ein Spiegel vorgehalten wird.


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Man sollte jedenfalls zum Zielpublikum gehören, um sich an den vielen Schimpftiraden, mit denen die Brennesseln die sogenannten Volksvertreter überschütten, delektieren zu können und nicht pikiert den Saal zu verlassen. Und es gehört auch ein wenig Masochismus dazu, gemeinsam mit dem Quartett zur bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass die Lage nicht nur hoffnungslos, sondern auch ernst ist. "Mutig in die neuen Pleiten" ist ein Programm für Politikverdrossene, zur Bestätigung der eigenen Politikverdrossenheit. Der kleine Funken Hoffnung dabei: Vielleicht ist die Realität ja letztendlich doch nicht ganz so schlimm, wie sie im überspitzenden Kabarett geschildert wird.