Arthur Schnitzler suchte lange nach einem zutreffenden Titel für sein "Egoistenstück". Bei der Uraufführung am Deutschen Theater in Berlin (1904) stand dann "Der einsame Weg" auf dem Programmzettel. Alexander Nerlich versucht nun in seiner Volkstheater-Inszenierung Schnitzler beim Wort zu nehmen und zugleich zu verdeutlichen, dass die Probleme von einst auch Probleme von heute sind.

Doch das ambitionierte Konzept will nicht so recht aufgehen. Nerlich rührt zwar nicht an Schnitzlers Text, sehr wohl aber am sprachlichen Gestus. Dem achtenswerten Bemühen, den Schnitzler-Tonfall nicht mit Anklängen ans leicht nasale Schönbrunner-Deutsch zu verfälschen, fallen auch die Zwischentöne zum Opfer. Die Figuren sprechen mit abruptem Tempowechsel aneinander vorbei; was sich zwischen den Zeilen abspielt, wird in der mit jeglichem Fin-de-siècle-Flair gründlich aufräumenden Inszenierung überdeutlich in Bilder und projizierte Tagtraumvisionen umgesetzt. In einem Kälte ausstrahlenden Bühnenraum (Wolfgang Menardi), dessen zusammen gewürfelte Versatzstücke leicht verlotterte Eleganz signalisieren.

Einholende Vergangenheit

Hier treffen Menschen aufeinander, die in der Lebensmitte von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Die todkranke Gabriele (Claudia Sabitzer) gesteht sich ein, dass ihre nach außen hin glückliche Ehe mit dem "Kunstbeamten" Wegrat (Erwin Ebenbauer) von Beginn an ein Lügengebäude war. Vater ihres Sohnes Felix (Simon Mantei) ist nämlich der Maler Julian Fichtner, der sich aber, als er von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, der Verantwortung entzog. Vergebens wirbt er nun um die Zuneigung des wiedergefundenen Sohnes, doch für diesen bleibt der den Späthippie hervorkehrende Jeans-Träger (eindrucksvoll: Günter Franzmeier) ein Fremder. Um zu sich selbst zu finden, nimmt Felix das Angebot des Schriftstellers Stephan von Sala (Denis Petkovic) an, ihn bei einer Expedition zu begleiten. Von der "weiten Welt" träumt auch seine Schwester Johanna: Nanette Waidmann gestaltet sie als Punk-Girl mit roter Lockenmähne schwankend zwischen Todessehnsucht und Lebenshunger. Was sie für Sala empfindet, gibt sie ihm körpersprachlich direkt zu erkennen. Doch ihre leidenschaftliche Begegnunghatkeine Zukunft. Am nächsten Tag findet man ihre Leiche und der Geliebte wird ihr folgen.

Mit ihrem verpfuschten Leben zurechtkommen muss hingegen die alternde Schauspielerin Irene Herms, die sich einst wegen eines Engagements gegen ein Kind entschieden hat. Nur schade, dass Heike Kretschmer diese vielschichtige Figur als Tragödinnen-Karikatur zeigen muss.

Spürbar wird an diesem Abend, dass sich all diese Egomanen vor der eigenen Verletzlichkeit schützen, sodass ihre eigentliche Sehnsucht nach Nähe und Zuwendung unerfüllbar bleiben muss. Zwiespältig bleibt diese Sicht auf Schnitzler jedoch allemal.